Wer anderen eine Grube gräbt…

Fallgruben müssen bekanntlich getarnt sein, sonst fällt das Opfer nicht hinein. Im newspeak der Umweltbürokraten nennt man diesen Vorgang nicht tarnen, sondern „aufwerten“, „pflegen“ oder „renaturieren“. In diesem Blogeintrag geht es um die Frage, inwiefern naturschützerische Eingriffe die genetische Vielfalt einschränken, die ökologische Anpassungsfähigkeit von Wildpopulationen gefährden, kurzum ob die Naturschützer und ihre verbeamteten Geldverteiler mehr Schaden oder mehr Nutzen anrichten.

Wir mögen es uns vorstellen, welch gute Tarnung die rasch und dichtwüchsigen, schnell sich etablierenden, früh schon grünenden Weiden sind. Solches funktioniert für jede Sorte von Fallen, Denkfehler, politische Fallen, Abkürzungen in der Umweltdiskussion.

Schon letzten Winter hat unser Exkursionsleiter das sehr selbstbewusst klar gemacht: Weiden seien nicht so schwierig zu bestimmen wie man immer sage. Mir ist klar, was er im Auge hat. Es gibt eine umfangreiche Literatur zu den Weiden Mitteleuropas. Lautenschlager verfasste ein ganzes Buch nur mit Bestimmungsschlüssel und Artbeschreibungen für die Weiden hierzulande. In der „Flora der Schweiz“ von Hess, Landolt und Hirzel finden wir für die Schweiz 34 Weidenarten und die Auflistung von 15 Bastarden, die experimentell hergestellt und in der Wildnis nachgewiesen wurden. Eine Gattung von Bäumen und Sträuchern, die oft auf beweglichem, rasch veränderlichem Untergrund wachsen, auf Schutthängen, entlang von überschwemmenden Bächen und Flüssen. Bei Pflanzen, die rasch wachsen, kurzum schon blühen, sich dermassen leicht mit anderen Arten kreuzen, – da ist eine grosse und unsichere Formenvielfalt zu erwarten.

Wenn unsere Exkursionsleiter also sagt, die Weiden seien nicht so schwer zu bestimmen, dann gibt es für diese forsche Aussage nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder, er ist sehr erfahren, hat schon sehr viel gesehen, ist viel mit anderen Forschern unterwegs gewesen, hat gehört was die zum Thema wissen und weiss worauf man fokussieren muss. Oder zweitens er hat sich das Wissen selber angeeignet und dieses in einem begrenzten Rayon erfolgreich ausprobiert. Ich bleibe still, kommentiere nicht weiter. Mir kann man in jedem Fall noch alles beibringen. In meinem Studium habe ich immer einen Bogen um die Weiden gemacht. In dem subalpinen Fichtenwald, wo ich am Diplom arbeitete, gab es keine Weiden und auf den Alpwiesen, Trockenrasen, Hochmooren wo die Doktoranden und Professoren unseres Institutes forschten, da kamen die Weiden entweder auch nicht vor, oder sie waren am Rand und unwichtig. Ich konnte also bequem mich den Gräsern, Seggen, Kräutern und anderweitigen Bäumen hingeben. Wenn ich die Weiden nicht kannte, dann fiel das nicht weiter auf.

Nun denn, ich bin hier zum Lernen und der Exkursionsleiter hat viel neues für mich. Ich behalte die Frage im Auge, ob Weiden einfach oder schwierig sind zum Bestimmen. Auf dieser Exkursion machen wir halt am Wegrand, kurz nachdem sich das landwirtschaftliche Fahrsträsschen im Wald versenkt, schmal und holprig wird. Die Böschung fällt ab zum Bach hinunter. Während also unser Weidenkenner hier die unterschiedlichen Arten erklärt, fällt mir schon als erstes auf: In einem Umkreis von weniger als 5 Metern wachsen gleich drei Arten von Weiden und keine anderen Büsche. Das ist schon ein sehr schöner Zufall, wenn man ungeduldigen, lernbegierigen Schülern solches im Vergleich vorführen will.

Ich nehme auch eine sehr grosse Zahl anderer Eindrücke auf. Allerdings seit einer Hirnverletzung vor etlichen Jahren, bleiben solche Eindrücke als Bilder haften und erst nachdem ich zuhause anfange, diese Eindrücke zu sieben, bekommen ich auch die Worte dazu. Vorher kann ich das gesehene weder ordnen noch vergleichen. Das folgende hat sich im Verlauf von fast 14 Tagen, unter der Dusche, im Garten beim Umstechen und beim Spazieren ergeben. So ergab sich zwingend, dass ich den Ort ein zweites mal aufsuchen und meine Eindrücke nachprüfen und bestätigen musste.

Der Standort unserer Weiden ist eine steile Böschung weit unten am Hangfuss, lockerer Schutt von höchstens faustgrossen Stücken, flachgründiger Boden darauf. Zuunterst an der Böschung macht der Bach eine Rechtskurve. Unser Standort ist an der Aussenseite der Kurve. Die Steine im Bach sind allesamt kopfgross, mit dichten Moosschichten bewachsen. Hier gibt es keinen natürlichen Ursprung, woher soviel lockerer Schutt hätte den Hang hinunterrutschen oder hergeschwemmt werden können.

In meiner Erinnerung kommt noch anderes dazu: Nicht nur sind drei verschiedene Arten von Weiden allesamt sehr eng beisammen. Sie sind zudem alle fast gleich gross, 150 bis 170 cm, mit daumendicken Stämmchen. Sie sind wenig beastet, stehen sehr locker. Da sind grosse Lücken mit sehr viel Licht dazwischen.

Diese Bilder erfordern die Nachkontrolle. Das alles passt nicht in die natürliche, rasch bewegliche Dynamik eines Bachufers, wo halt Weiden sich ansiedeln. Ich fahre ein paar Wochen später wieder dahin und versuche mir klar zumachen, was in diesem Gelände passiert ist.

Unser Standort findet sich dort, wo der landwirtschaftliche Fahrweg in den Wald hineinkommt und eine scharfe Linkskurve macht, schmäler, holpriger, steiler wird. Es ist eine typische Situation, wo man vor nicht 20 Jahren mit dem Aebi-Einachser gefahren ist und inzwischen hat ein Bauer seine Matten für den Traktor fahrbar gemacht. Der Schutt findet sich an einer Geländestelle, wo einer den Aushub vom Ausbau seines Fahrweges den Hang hinunterschob.

Was ist mit den Weiden, warum stehen sie so locker und sind alle gleich gross? Auf eimal merke ich dass sie in geraden, sich kreuzenden Reihen stehen, mit Abständen von Armeslänge. Genau dort, wo unsere Gruppe gestanden hatte, fehlte ein halbes Dutzend Sträucher und darum waren die Reihen nicht aufgefallen. Wir sind in einer Pflanzung gestanden und der Exkursionsleiter fand die Tatsache keines Kommentares wert.

Was also ist die Geschichte, die ich mir hier zusammensetzen muss: Die grossen Alten unseres botanischen Gewerbes, die sammelten Pflanzenmaterial, bewegten sich im unwegsamen Gelände, hatten klare Vorstellungen, welche Teile sie einstecken mussten, um sie dann zuhause sauber mit anderen Belegen zu vergleichen. Sie pressten und trockneten die Sachen, klebten sie auf grosse Kartonbogen, schrieben säuberlich Etiketten, trugen ihr Scherflein bei zu Herbarien, die seit fast 150 Jahren von Dutzenden von Spezialisten zusammengetragen wurden. Wenn einer von diesen Forschern Weiden vergleichen und unterscheiden wollte, dann zog er riesige Schachteln aus Metern von Schränken hervor, wischte den Staub weg und vertiefte sich mit seinem Werkzeug bewaffnet in diese Sammlungen: Pinzetten, Lupen, Binokularmikroskope, überladene Gestelle mit den Bücherschunken der Vorgänger. Und dann machten sie sich an die Arbeit, trieben ihre Doktoranden an und versuchten zum Beispiel herauszufinden, was die Verwandtschaftsverhältnisse sind zwischen der Flaumweide, der Salweide und der Grauweide. Sie diskutierten, ob die Herbarbelege korrekt den Arten zugeordnet waren, suchten neue Merkmale, die es ermöglichten, die drei Arten noch besser zu unterscheiden [dieser Abschnitt frei nach Hess, Landolt, Hirzel (1976)].

Hier im Gelände steht nun dieser Jüngling vor uns und erklärt, dass sich an dieser Böschung eine Purpur-Weide, eine Sal-Weide und eine Grau-Weide finden und dass diese wie alle Weiden nicht so schwer zu bestimmen seien. Er ist ein erfahrener Naturschützer. Unsere Exkursionen legt er immer so, dass sie leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Wir befinden uns jedesmal bequem in Siedlungsnähe. In welchem Gelände er sonst so unterweg ist, weiss ich nicht. Ich habe keinen anderen Grund als zu denken, dass unser Leiter die Weiden vor allem anderen von Orten kennt, wo Naturschützer sich bemühen, Bäche renaturieren, Pflegeeingriffe in Naturschutzgebiete vornehmen, Wirtschaftswälder „aufwerten“ [letzteres der ultimative newspeak notabene].

Mir bleibt nur der eine Schluss: Seine Weiden sind gepflanzte Weiden. Seine Weiden sind so leicht zu bestimmen, weil die Baumschulisten ihre Weiden so auswählen müssen, dass sie jederzeit beim Umpflanzen, Vermehren, beim Transport und im Verkauf diese Weidenarten sauber unterscheiden können. Wir haben es mit den Auswirkungen einer willkürlichen, menschlichen Auslese zu tun, mit dem was man gemeinhin als „Pflanzenzucht“ bezeichnet!

Zur Fragestellung am Anfang: Nein, natürlich habe ich keine Antwort. Jedoch bringen mich die äusseren Umstände auf Ideen, die eine wissenschaftlich „enge Begleitung“ der Naturschützer mit ihrem Eingreifen in die natürlichen Prozesse erfordern. Wenn die in Baumschulen Pflanzenzucht betreiben und dann solcherart herangezogene Bäumchen quer durch die Schweiz karren, an Börsen verquanten, überall dort grad hinpflanzen, wo irgend eine Bewilligungsbehörde, eine Umweltverträglichkeitsprüfer, eine Baukommission das verlangen, dann ergeben sich für die Forschung Fragen: Etablieren sich diese Bäume bis sie Nachwuchs erzeugen oder gehen sie vorher ein? Vermischen sie sich mit den lokalen Wildpopulationen? Wie wird die genetische Vielfalt der Wildpopulation verändert? Falls die angepflanzten nicht mit den Wildpopulationen sich kreuzen, welche ist stärker in der Konkurrenz, die angepflanzte oder die lokale, natürliche Rasse?

PS. Selbstverständlich habe sogar ich mitbekommen, dass Herbarien flächendeckend abgeräumt, im besten Fall verschenkt und schlimmstenfalls liquidiert wurden. Und klar weiss ich, dass Taxonomen heutzutags Mikrosatelliten amplifizieren und online Recherchen im „Web of Science“ machen und nicht mehr mit Binokularmikroskopen und dicken Bücherbänden hantieren. Besser unterscheiden können auch sie die Weiden nicht.

Verwendete Literatur:
Hess, Hans Ernst; Landolt, Elias ; Hirzel, Rosmarie (1976): Flora der Schweiz Band 1, 2. Auflage
Lautenschlager, Ernst (1989): Die Weiden der Schweiz

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3 Gedanken zu „Wer anderen eine Grube gräbt…

  1. Weiden werden für Renaturierungen nicht gekauft. Das wäre viel zu teuer. Da wird beim Gewässerunterhalt anfallendes Gratismaterial als Stecklinge gesetzt. Die Art spielt da keine Rolle, die verbauen alles.

  2. Bildlich beschrieben: Anstatt seien geschnittenen Weiden zu häckseln, liefert der Gemeindearbeiter seine Ladung dem Bauunternehmer ab. Die verbauen dann dieses Material zur Ufersicherung.

  3. @Hansli,
    danke für den Einblick in die Praxis.Muss einmal schauen, wo in der Gegend ich Weiden finde. Jedenfalls in 100 m Umkreis waren keine. Zudem: Die Pflanzung war 5 Höhenmeter oberhalb eines Bergbaches. Darum war es eigentlich keine Bachverbauung, sondern höchstens eine Hangbefestigung.

    Ich könnte zudem anders argumentieren: Wenn der Gemeindearbeiter die Äste in die Kategorien geeignet und ungeeignet für die Verbauung einteilt, dann nimmt er die Sachen, bei denen die Artmerkmale genug deutlich ausgeprägt sind, dass er das ungefähr unterscheiden kann. Wieder haben wir eine menschliche Auslese und keine standörtlich angepassten Genotypen.

    Das ganze bleibt auch aus anderen Gründen ein „confounding of factors“, wenn einer aus gepflanztem Material auf die natürliche Variabilität der Genotypen schliessen will. Zum Beispiel: Welche Genotypen schaffen es als Stecklinge und welche nicht?

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