Nichts neues.

Unser treuer Leser Hansli hat mir den Ball zugespielt. Ich renne, keuche und spiele den Pass. In der gestrigen NZZ fanden wir die journalistische Zusammenfassung der wissenschaftlichen Zusammenfassung des Nationalen Forschungsprogrammes NFP 59. Dabei geht es darum, ob wir in der Schweiz Gesundheits- oder Umweltschäden zu befürchten haben, wenn gentechnisch gezüchtete Pflanzensorten angebaut werden.

Die Forschungsergebnisse sind eindeutig. Es konnten keine schädigende Einflüsse auf die natürliche Umwelt und die menschliche Gesundheit gefunden werden. Es gibt vom wissenschaftlichen her zur Zeit nichts zu diskutieren. Was von jetzt an kommt, ist die politische Meinungsbildung, der demokratische Entscheidungsprozess. Die demokratische Entscheidfindung hängt im wesentlichen davon ab, ob das interessierte Publikum auch fachgerecht informiert wird.

Zuerst einmal fehlen in der Schweiz naturwissenschaftlich ausgebildete Journalisten. Die Zeiten sind leider vorbei, wo Bruno Stanek uns die Reise zum Mond erklärte – in Wort, Bild, Text. Solche Leute gibt es nicht mehr. Dennoch, wir brauchen dringend Journalisten, die auf einfache Art erklären können, wie Gentechnik mit hergebrachter Pflanzenzüchtung verglichen werden kann. Wobei „hergebracht“ nicht so stimmt. Wissenschaftlich begründete Pflanzenzüchtung und quantitative Genetik wurden auch erst in den letzten 130 Jahren entwickelt.

In den letzten Jahrzehnten haben sich in der Schweiz Zeitungsredaktionen, genauso wie Schweizerfernsehen und Radio damit begnügt, ob sich das Redaktionspersonal möglichst nahtlos in die ideologische Gesinnung der SP einfügt. Duckmäuserische Durchschnittlichkeit waren Vorbedingung, um schon nur durch das Volantariat zu kommen.

In der Journalistenschule wird das augenscheinlich anders gelehrt: Journalisten sollen dem Publikum die Fakten in Form einer zusammenhängenden Geschichte erzählen, die Zuschauer „abholen“, die Fakten für die Leserschaft „interpretierbar machen“. Leider ist das nur die intellektualisierende Rechtfertigung für dieselbe alte Masche: Das Publikum wird über die Fakten im Dunkeln gehalten und seine Sichtweise manipuliert. Soll nämlich ein imaginäres Publikum abgeholt werden, die Fakten interpretierbar gemacht werden, so ist das nichts als eine Projektion der Vorurteile des Journalisten. Sein Publikum sind die Tölpel, die die alten dümmlichen Stereotypen auswendig können und alles und jedes über denselben Leisten brechen sollen. So blöd sind die Schweizer allerdings nicht, sondern nur ihre Journalisten. En passant, ich sehe darin einen der Gründe, warum den schweizerischen Tageszeitungen die Leser davonlaufen. Sie bieten ganz einfach zuwenig Wissenswertes.

Woher stammt diese seltsame Idee, man solle dem Publikum die Fakten nicht einfach verständlich beschreiben? Wer fing damit an, alles in Geschichten zu verpacken und das Verständnis zu steuern? Diese Unsitte geht im wesentlichen auf die Zeiten des Kalten Krieges zurück, als das KGB die Manipulation der Öffentlichkeit, die Destabilisierung offener Gesellschaften wissenschaftlich erforschte. Das Ziel war die Desinformation.

So etwas funktioniert nur, wenn das Publikum knapp dran ist mit eigenen Erfahrungen, die Dinge nicht aus der eigenen Anschauung kennt. So gibt es in der Schweiz kaum Möglichkeiten, in der Gesundheitspolitik oder in Sachen Volksschule oder Verkehrsplanung Gehirnwäsche zu betreiben. Bei Gentechnik hingegen ist das möglich. In der gleichen Art funktioniert es auch in Sachen weltweiter Klimakatastrophe. Die Themen sind abstrakt, der unmittelbaren Erfahrung nicht zugänglich.

In dem Sinn baut der moderne Geschichtenerzähler-Journalismus unserer Massenmedien auf die Ignoranz des Publikums. Ein neugieriges, informiertes Publikum wird sich sehr schnell von übereinfältigen Zeitungsmeldungen abwenden und sich dort informieren, wo es auf seine Rechnung kommt.

So haben wir dann ein Ausbildungsproblem: Wir brauchen einerseits Naturwissenschafter mit journalistischem Können. Zudem können in dieser modernen Welt demokratische Entscheidungen nur getroffen werden, wenn die Stimmbürger ein naturkundliches Grundverständnis haben. Wir sind angewiesen auf soliden Naturkundeunterricht in den Volksschulen.

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6 Gedanken zu „Nichts neues.

  1. @Katharina
    Gibst Du mir ein Beispiel, welchen Blogkommentar bei deadline hast Du im Auge?

    Klar kann man mit der Wortwahl und mit der Darstellung von Fakten manipulieren. Erstaunlich ist allerdings bei Gesprächen im Freundeskreis, dass etliche (vor allem Männer) von diesen Sprachtricks abstrahieren und die Information als solche Beurteilen.

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