Ingenieursengel und Journalistenteufel, …

… oder wie Smartphones den Journalismus revolutionieren. Ich habe meine Kindheit in Steffisburg verbracht, mehr als eine kleine und eine ganz grosse Überschwemmung miterlebt und ich finde es nicht unterhaltsam, wenn ich online in der Bernerzeitung lese „Steffisburg hatte einen Schutzengel“.

Wir leben in einer Zeit, wo unser Umgang mit unserem ökologischen Lebensraum eine kritische Grösse im Fortbestand unserere Zivilisation ist. Vor diesem Hintergrund finde ich solchen Blödel-Journalismus nicht zu Lachen.

Zuerst als Überblick: Steffisburg wurde zwischen Hartlisberg und Dornhalde auf das weitgefächerte Delta der Zulg gebaut, bis hinunter zu ihrer Mündung in die Aare. Wer in das Eriz hinein reist, kann sich in jener zerklüfteten Landschaft ein Bild machen, welche enormen Auswirkungen der ökologische Raubbau unserer Vorväter hatte. Grossflächige Entwaldung liess die Talhänge schutzlos, Bodenerosion riss tiefe Gräben. Die Zulg erzwängte sich ihren Weg heraus aus den Bergen, zwischen zwei Hügelzügen mit der Gemeinde Fahrni rechterhand und Horrenbach-Buchen links. Und all das mitgeschwemmte Material wurde weiter unten in einem breiten Deltafächer abgelagert. Dieser ist der Untergrund auf dem die Steffisburger heute leben. Wir haben also ein Urbild davon, wo sich die Zulg immer wieder ihren Weg suchen wird, wenn es richtig losgeht. Wasser kann man nicht zwingen.

Mitte der 70-er Jahre hatten wir einmal eine wirklich grosse Überschwemmung, wo dreiviertel des Dorfes unter Wasser standen. Sogar in meinem Elternhaus, das weit aussen, ganz am Rand dieses Deltas gebaut ist, da konnten wir im Parterre mit dem Bleistift den Wasserstand markieren. Uns ging es gut, es waren nur 15cm in Garage und Keller. Der Zivilschutz war aufgeboten zusätzlich zur Feuerwehr und das war damals noch eine funktionierende Katastrophenorganisation. Meine Mutter rückte aus und war dann nicht gefordert, weil die Männer Sandsäcke schleppten und die Motorpumpen zum Brummen brachten.

Hinterher hat die Gemeinde für sehr viel teures Geld an allen Zuflüssen der Zulg, an all den harmlosen Bächlein, wie sie aus den steilen Tobeln kommen, Schwellen, Sammler und Wehre gebaut. Wir Kinder lästerten. Die Stimmbürger schimpften. Wegen eines Jahrhunderthochwassers geben wir Abermillionen aus und bis es dann die Urgrosskinder vielleicht brauchen, haben Generationen von Schildbürgern Reparaturkosten bezahlen müssen. Vor allem die „vollkommen überrissenen“ Bauten am Bös Bach gaben zu reden. Wie es nun so geht mit stochastischen Ereignissen: Das nächste Jahrhundertereignis hat grad knapp bis ins nächste Jahrhundert gewartet.

Heutiger Journalismus und heutige Politik leben vor allem vom kurzen Gedächtnis der Leute. Wer nicht Bescheid weiss, wird auch nicht wahrheitsgetreu informiert. So können die Bernzeitungs-Schreiberlinge unbedarft von „Schutzengeln“ schwadronieren.

Man darf sich den harten Journalisten-Alltag einmal konkret vorstellen:
Während vor wenigen Jahren noch unsere Tageszeitungsjournalisten am PC in der Redaktion hockten, im elektronischen Archiv stöberten, google durchforsteten und altbackene sozialistische Klischees replizierten, lässt man heutzutags die Leser grad selber die Zeitungsartikel machen. Die schicken dann Handy-Photos und plappern aufgeregt in ihr Telefon, was so an Gerüchten im Dorf herumgeboten wird. Das sind dann die grossen Neuigkeiten, die man tags darauf aus der Tagespresse erfährt.

Steffisburg wurde nicht von Schutzengeln von Schaden bewahrt, sondern von Ingenieuren, Maurern, Baggerfahrern!

Die Gemeindebehörden gaben sich anno dazumal besonnen und dem Wohlstand der Bürger verpflichtet. Aus heutiger Sicht erscheint eine solche bewahrende Einstellung zum Gemeinwesen als geradezu militant. Behörden von heute haben sich um die besserwisserische Weltverbesserung zu kümmern und dafür das Geld der anderen zu verschleudern!

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