Ökosystemforschung im Berner Oberland.

Ökologische Langzeitforschung ist ein spezielles wissenschaftliches Abenteuer. Wissen wird über Generationen weitergegeben und die disziplinierte Entwicklung von immer neuen Methoden ist gefordert. Im Berner Oberland finden wir eine der ältesten Versuchsflächen zur Ökosystemforschung.

Letzten Mittwoch neu entdeckt in der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz, neugierig aufgeschlagen und durchgeblättert, staune ich über diesen Überblick über die Ökosystemforschung auf der Schynigen Platte, speziell auf den „Lüdiweiden“ und im Alpengarten.

So liefere ich einen provisorischen ersten Eindruck in dieser Buchbesprechung.

Otto Hegg, Urs Schaffner (Red.) (2012)
80 Jahre experimentelle Ökosystemforschung auf der Schynigen Platte im Berner Oberland.
Bern: Haupt.

Spannend finde ich an dem schmalen Bändchen von Prof. em. Dr. Otto Hegg die Zusammenfassung der unterschiedlichen Forschungsarbeiten aus den Jahren 1930 bis 2009. Wir merken, dass die Weiden ursprünglich mit einer landwirtschaftlichen Zielsetzung eingerichtet wurden und eigentlich nur als kurzfristiges Projekt. Das ist bei vielen ökologischen Langzeit-Datenreihen so. Das ist auch der Grund, warum wir immer mit Umsicht und kritisch mit alten Daten und Langzeituntersuchungen umgehen müssen.

Werner Lüdi wollte wissen, wie man den Ertrag auf diesen kargen Weiden verbessern konnte. Auf einer sehr grossen Zahl von kleinen Quadraten brachte er verschiedene Kombinationen von Dünger aus. Davor und während mehrerer Jahre danach wurde die Artenzusammensetzung aufgenommen und das Heu für jedes einzelne Quadrat gewogen.

Der Einrichtung der Weiden durch Werner Lüdi folgte Jahrzehnte später die spätere Neuentdeckung der Anlage durch Otto Hegg. Er beschreibt seine neu gesetzten ökologischen Fragestellungen. In diesen Abschnitten des Büchleins wird Otto Heggs Arbeitsweise gut dokumentiert, so wie er uns auch im Unterricht ausbildete. Pflanzensoziologie war nie Sache für sich, sondern nur ein Mittel zum Zweck, eine wirkungsvolle Methode, Vegetationsdaten zu erheben und für die ökologische Analyse aufzubereiten.

Sein Unterricht war immer konkret, an handfesten Fragestellungen ausgerichtet. Und wir Studenten wurden angehalten, genauso direkt, zielgerichtet für unsere eigene Feldarbeit die passenden Methoden auszuarbeiten. Mir hat diese methodische Schulung später sehr geholfen im Leben – der unbedingte Anspruch, zuerst das Problem zu analysieren und dann aus der eigenen Anschauung, mit meiner eigenen Kenntnis die passende Vorgehensweise zu entwickeln.

Im weiteren finden wir zusammengefasst die präzise und arbeitsaufweindige Rekonstruktion der einzelnen Flächen und die Aufnahme von neuen Vegetationsdaten deren multivariate statistische in der Doktorarbeit von Werner Dähler. Ihn habe ich in guter Erinnerung als hart arbeitenden, zuverlässigen, manchmal bärbeissigen aber immer hilfsbereiten Assistenten.

Mit der von Svenja Tidow in ihrer Doktorarbeit verfassten statistischen Analyse mit Hilfe von „Fuzzy-Set-Ordinationen“ werde ich vermutlich ein wenig mehr Zeit verbringen, bis ich ihre Arbeit zu würdigen weiss. Soweit ich es verstehe, untersuchte sie die Veränderung der Vegetationszusammensetzung über die Jahrzehnte. Zudem setzte sie einen neuen Düngerversuch mit moderneren Methoden an.

Thomas Spiegelberger und Urs Schaffner gingen der Frage nach, was von Lüdis Düngergaben und der Kalkung noch in den Flächen zu finden ist. Sie bringen die neue, amerikanische Sorte von trockener, bündiger Knappheit, übersichtliche Fragestellung, strukturierter Bericht. Das hilft, Grundfragen zu klären, Voraussetzungen für weitere Forschung zu schaffen. Ob man auf die Art komplexe ökosystem-relevante Fragen angehen kann, wird die Zukunft weisen. Ökosystemforschung dauert meistens länger als ein moderner research grant vorsieht. Wir erfahrenn aus diesen Kapiteln, dass die gekalkten Flächen immer noch basenreicher sind als die ungekalkten. Von den Düngergaben aus den 30er Jahren ist nichts mehr sichtbar. Unterschiede finden sich in der Vegetationszusammensetzung, der Zusammensetzung des Bodenlebens, der chemischen Zusammensetzung der geernteten oberirdischen Pflanzenteile.

Nicht allzu viel sagen mag ich über das Kapitel von Pascal Vittoz über den Einfluss der Klimaänderung auf die Artenzusammensetzung in subalpinen Weiden auf der Schyningen Platte und in Nant im Waadtland. Ich halte dieses Klimawandeldings für ein Modethema, bei dem viel zu viel vorgefasste Meinungen, schludriger Umgang mit Langzeitdaten, fehleranfällige interdisziplinäre Kommunikation den Blick auf die Realitäten versperren. Pascal Vittoz hat keinen nennenswerten Einfluss einer vermuteten Klimaänderung gefunden auf die Vegetationszusammensetzung der untersuchten Weiden gefunden.

Kritisch sehe ich in dem Bändchen den Mangel beim Grundlegenden, beim dem was eigentlich im Titel steht. Ich stelle das immer von neuem fest: Ökologen schreiben über „Ökosysteme“ ohne den Begriff zu definieren, ohne sich festzulegen, was sie damit meinen. Otto Hegg macht diese Lücke mit viel Handwerk und präsisen Beschreibungen wett. Thomas Spiegelberger und Urs Schaffner übertünchen diesen konzeptuellen Mangel mit umfangreichem Zitaterlis in ihren Einleitungen. Das ist die moderne Art, wie Ökologen ihre Unkenntnis kaschieren. Sie delegieren an die Literatur, tun so, als wären sie gescheiter als sie in Wirklichkeit sind. Diese Unsitte ist weit verbreitet in der ökologischen Literatur. Als korrektes Vorgehen wird es im Ökologiestudium an der Uni Bern in notpeinlicher Art von den Studenten erzwungen. Kein Student, der sich wagen täten, einen einzigen Satz zu schreiben, ohne hinten in Klammer noch 5 Zitate zu setzen.

Die Autoren sind in guter Gesellschaft. Einer unserer Ökologieprofessoren an der Uni schrieb ein lehrreiches Ökologielehrbuch. Darin finde ich ein ganzes Kapitel über „Ökosysteme“. Und nirgends, nicht einmal in einem einzigen Satz finde ich eine Erklärung, was denn ein Ökosystem eigentlich sein soll. Wenn dieser Professor dann lästert, Otto Hegg habe damals schon auf einem abgestorbenen Ast geforscht, Vegetationsbeschreibungen hätte in den 90er Jahren wirklich keiner mehr gemacht, dann hat der wohl das wesentlichste nicht verstanden: Veränderungen kann man nur feststellen, wenn man zuvor Zustände beschreibt. Ökosystemforschung ist zeitraubend, langwierig. Pflanzen zuverlässig bestimmen, braucht Zeit. Eine Vegetation im Detail beschreiben, verursacht Schweiss und Mühsal, man leidet körperlich, muss durchhalten und sich bewähren. Dass diese Arbeiten ein bisschen mehr umfassten als „Vegetationsbeschreibungen“, dokumentiert das vorliegende Bändchen vorzüglich. Zuhinterst findet sich eine komplette Auflistung sämtlicher Forschungsarbeiten, die auf der Schynigen Platte durchgeführt wurden – eine Fundgrube für den interessierten Gelehrten!

Schade finde ich, dass eine kurze Besprechung von Christine Heinigers Masterarbeit fehlt. Patrick Naters Masterarbeit hat es wohl aus Termingründen nicht in das Buch geschafft.

Als letztes Kapitel schrieb Prof. Dr. Markus Fischer einen Ausblick darauf, was alles spannendes in dieser Versuchsumgebung geforscht werden könnte. Seinem Vorhaben würde ich Glück wünschen. Praktische Probleme, wie sie Patrick Naters Masterarbeit plagen, können nur aufgefangen werden, wenn über einen längeren Zeitraum kontinuierlich Experimente angelegt, aus den Fehlern in den einen für die nächsten gelernt wird. Vor allem anderen wundert mich, dass für Patrick Naters Versuche keine rechtzeitigen Vorversuche gemacht wurden. Jeder Gärtner hätte mit der Vermutung warnen können, dass in dermassen kleinen Blumentöpfchen vor allem die Einengung im Wurzelraum das Ergebnis bestimmen und nicht die Konkurrenz oder das Wachstum über der Bodenoberfläche.

Was ich allerdings in den vergangenen Semestern im allgemeinen und letzten Sommer auf der Schynigen Platte im speziellen beobachten konnte, lässt mich zweifeln, ob Professor Fischer diesen Kahn zum Schwimmen bringt. Die Versuchsanlagen wurden im Unterricht in Bern nicht ein einziges mal erwähnt. Die mit Vorlesungen und Seminaren betrauten Assistenten betreiben einen Wanderzirkus, führen Kunststücke auf, die sie vorher schon in einem halben Dutzend anderer Universitäten aufführten. Ressourcen vor der Haustür nennen sie selten.

Auf der Schynigen Platte selber wurde für die Vorstellung der Lüdiweide eine komplette halbe Stunde aufgewendet. Ich habe dem einen Assistenten fasziniert zugehört, viele Details vernommen, die mir bis dahin unbekannt waren. Er hat sich vorbereitet und gut unterrichtet. Wichtig waren seine Erklärungen darüber, welche statistischen Probleme sich heute daraus ergeben, dass man anno dazumal noch nicht viel über die Zahl notwendiger Replikate wusste und sich keine Gedanken über die Randomisierung der Probeflächen machte.

Umso mehr war ich dann schockiert, als der zweite Assistent dazukam, der die Forscher vorstellte, die im Verlauf der Jahrzehnte sich hier abgemüht, ihr ganzes Können und sehr viel Arbeit eingesetzt hatten. Jedes einzelne dieser drastischen Personenporträts wurde mit einem letzten Spruch garniert, der den betreffenden Forscher als Volltrottel hinstellte. Die Vorstellung dieser jahrzehntelangen Bemühungen kulminierte in der ungemein destruktiven Äusserung, man könne hier noch jahrelang Analysen machen – oder man könne genausogut das ganze zubetonieren und einen Helikopterlandeplatz daraus machen. Einen Unterschied für die Wissenschaft würde das nicht ausmachen.

Verwundert nahm ich zur Kenntnis, dass ich als einziger inmitten all dieser vifen, lebensfrohen jungen Studenten Notizen anfertigte. Wenn es nicht powerpoint ist, dann ist es gar nicht bei dieser jungen Generation. Hingegen nicht wundern tue ich mich, dass nach einer solchen Vorstellung der Forschungsumgebung keine Bachelor- oder Masterstudenten sich interessiert melden beim Chef.

Markus Fischer delegiert seinen Unterricht an fähige, kenntnisreiche Assistenten. Was diese jedoch fern ab von sorgsamer Aufsicht hinter seinem Rücken treiben, nimmt er nicht zur Kenntnis. Aus meiner Sicht würde ich wünschen, dass Markus Fischer den Unterricht persönlich an die Hand nähme. So hat er auch eine reale Chance den Nachwuchs an Bachelor- und Masterstudenten zu bekommen, der diese wissenschaftlichen Gelegenheiten für moderne Experimente und Untersuchungen nutzen kann.

Wichtig für uns Ökologiestudenten ist folgendes sich zu merken: Die im besprochenen Buch vorgestellte Forschung setzt zwingend eine umfangreiche Artenkenntnis voraus. Ohne saubere Taxonomie ist keine aussagekräftige Ökosystemforschung im Feld und bei Feldversuchen möglich.

Markus Fischer stellt in seinem letzten Kapitel einen Katalog von spannenden Forschungsfragen zusammen. Daran könnten sich meine jungen Studienkollegen austoben, sich die Zähne ausbeissen, bewähren und sich für ihre spätere berufliche Zukunft als Ökologen eine Grundlage schaffen. Darum rufe ich Euch meine Aufforderung zu: Nehmt den Chef beim Wort! Verlangt von ihm, dass er Euch passend ausbildet und anleitet! Fordert von dieser Uni die Kenntnisse, die ihr braucht, um Antworten auf solche Forschungsfragen zu erarbeiten! Lasst Euch dieses stupide Auswendiglernen in den ersten beiden Bachelorjahren nicht mehr gefallen, sondern fordert eine konzentrierte Vertiefung in Eure Interessensgebiete!

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