Blümchenzähler

Beissende Kälte, die Bise geht, ich stapfe 20cm tief im trockenen Schnee durch den Wald, blendende Sonne, doch nicht eine Deut von Wärme auf meinen nackten, brennenden Wangen. Weiter vorne gelange ich auf das Strässchen. Sogar hier, vom Pflug geräumt, von Autos festgefahren, haftet der Schnee noch zentimeterdick. Die Leute hier wissen, wie man im Winter richtig Auto fährt. Sie haben Winterpneu, viele sogar mit Spikes. So bleibt die Strasse ungesalzen und ohne Split. Es ist das perfekte Wetter zum Schlitteln. Mir entgegen kommt eine Familie mit vier Kindern. Es sind lustige Kinder, zanggen zum Spiel, schauen mich neugierig an. Die Mutter hat mich schon einmal gesehen, will wissen, wer ich bin und wo ich wohne. So erzähle ich von dem Haus an der Kantonsstrasse, bei der Brücke über die Emme, das ich dem Koch vom Altersheim abgekauft und – welch ein Skandal – hellgrün und hellblau angemalt habe.

Ich bin auf anderes neugierig. Und so entsteht ein Gespräch mit dem Vater der Kinder, wo ich erfahre wie man unseren Beruf hier auf dem Land nennt: Wir sind die „Blümchenzähler“.

Ich habe die Kiesgrube im Graben unten bei einem früheren Spaziergang genauer angeschaut. Und darüber frage ich den Mann nun aus. Hier auf dem Land sind die Leute gut informiert in allen politischen Sachen, auch im Umweltschutz. Da spielen solche Gespräche eine Rolle. Ich kann vieles erfahren. Smalltalk erübrigt sich.

Mir kam die Kiesgrube schon lange komisch vor, wie das alles angeordnet ist im Gelände, oben und unten wird abgebaut und der Mitte ist eine riesige Pyramide aufgeschichtet, als hätte man zuerst in der Mitte deponiert. So erfahre ich dann wie es dazu gekommen ist: Der Eigentümer der Parzelle hat ein Baugeschäft und hier vor einigen Jahren angefangen Kies abzubauen. Dann hat er im unteren Teil schon wieder mit Schutt aufgefüllt und weiter oben abgebaut. Während die Kiesvorräte ihrem absehbaren Ende immer näher rückten, beauftragte man einen Geologen, der im unteren Teil unter dem Schutt noch viele Meter tiefe Schichten Kies fand. Also entstand der Plan, den ganzen Deponieschutt wieder wegzutragen, weiter oben in dem riesigen Loch in der Landschaft aufzuschichten und erneut mit abbauen anzufangen.

Kiesbesitzer sind in unserem baufreudigen Land die Scheichs des grauen Goldes. Mit Kies kann man reich werden, wenn man es richtig macht. Und wenn man dann einmal ein richtig grosses Loch in der Landschaft hat, dann kann man das Loch noch viel teurer verkaufen als vorher den Kies. Leider habe ich keinen Kies, sonst käme ich so richtig zu meinen Kohlen… Nun denn, immer, an jeder Ecke gibt es die Neider, die Maden im Speck, die da mitverdienen wollen. Heutzutage sind das die Staatsangestellten, verbeamtete, SP-wählende Sesselfurzer, die auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung auf eine gute Pension hinwerken.

An einem Tag der offenen Tür hat es der Kiesgrubenbesitzer den interessierten Anwohnern der Reihe nach erklärt. Meine Sorte von Beschimpfungen hat er natürlich weggelassen, sondern stolz berichtet, wie das alles hier den richtigen Weg gegangen ist, alles mit Recht und Ordnung. Soll doch einer behaupten, die Hauptstadt habe die Randregionen vergessen. Die Beamten freuen sich immer, wenn sie zu tun bekommen. Und wir freuen uns über die Aufmerksamkeit, die netten Besuche.

Ohne die Details zu kennen, kann ich es mir in aller Lebendigkeit vorstellen, wie dann Dutzende von Amtsstellen, Staatsangestellte und externe Experten sich dreinhängten, als diese Kiesgrube umgeplant wurde. Da konnten die Gewässerschützer mitreden, die Wasserbauer, die Landschaftsschützer, das Landwirtschaftsamt, man musste das Forstgesetz einhalten, richtige Raumplanung betreiben, die Zufahrtsstrasse neu gestalten. Da durften sich dann die Denkmalpfleger einmischen, weil weiter unten eine historische Holzbrücke den Weg über die Emme ebnet und zuwenig belastbar ist. Und damit das alles auch fachlich korrekt gemacht werden konnte, brauchte es Gutachten von Geologen und Hydrologen. Und an allen Ecken und Enden wimmelte es von der einen grossen, lausigen Plage der Menschheit: den Juristen.

Ein Viertel dieses Aufwandes war notwendig, um die Sicherheit der Umwelt und der Bevölkerung zu garantieren. Dreiviertel hingegen dienen einzig dazu, die erbärmliche Existenz von überflüssigen, aber hochqualifizierten Spezialisten zu rechtfertigen, von denen keiner weniger als 90’000 Franken im Jahr verdient.

Und als dann alles schon schön fixfertig durchdacht und abgemacht war, die Kiesgrube endlich bewilligt, da kamen dann noch die Blümchenzähler! Sie hatten entdeckt, was hier jedes Kind wusste: Es gab hinten in der Kiesgrube einen Tümpel, Kröten und Libellen. Jetzt konnten sich die Naturschützer gütlich tun, dreinreden, sich aufspielen. Der Kiesgrubenbesitzer musste ausserhalb des Perimeters ein Biotop schaffen, schützen und einzäunen, woran sowieso schon jeder Freude hatte und keiner etwas daran ändern wollte.

Ich schmunzle, höre zu, stelle Fragen. Später sage ich dann, „ja weisst Du, ich bin auch einer von diesen Blümchenzählern, das ist es was bei meinem Studium an der Uni herauskommt und einige meiner besten Freund sind Blümchenzähler von Beruf.“ Und leider ja, etliche von meinen Kollegen von anno dazumal machen genau das: den Leuten dreinreden, sich aufspielen und sie zu Dingen verpflichten, die für die Kujonierten sowieso selbstverständlich sind.

Ich stelle Fragen zu anderen Naturschutzprojekten in der Gegend, zu solchen die aufwendiger waren, die weniger stören, niemandem etwas wegnehmen und ohne Planung nicht verwirklicht werden konnten.

Ein Beispiel wäre die Renaturierung des Hochmoores im Steinmösli. Jeder kennt das Projekt. Man weiss nicht wirklich, worum es geht und wozu es gut sein soll. Man hat einfach das Projekt verfolgt und beäugt. Es ist eine Frage der Aufmerksamkeit. Weil es dort abgelegen, wirtschaftlich nicht besonders interessant ist, hat die Renaturierung auch keinen wirklich gestört. Aber ohne Anregung von Fachleuten wäre auch keiner auf die Idee gekommen, dass man dort etwas wirklich grossartiges machen könnte. Und jetzt im hinterher hat sich keiner die Mühe genommen, die Sache gut zu erklären… So sind dann die Blümchenzähler ein wenig selber schuld, wenn man sie nicht ganz ernst nimmt.

Es vergeht keine Woche, da fragt mich die Angestellte in der Landi entschuldigend, was ich eigentlich von Beruf sei. Wozu das entschuldigende sein soll, ist mir nicht so klar. Also gebe ich eine kurze Beschreibung von meinem Studium, was ich an der Uni so lerne. Kommt dann die direkte Frage „Du bist in dem Fall auch so einer, die die Leute ‚verruckt‘ machen?“ Ich frage, wie sie darauf komme. Ja, ich hätte doch kürzlich etwas davon erwähnt. Ich runzle die Stirn, rechne die Laufgeschwindigkeit von Geschichten aus, das wären in dem Fall 4km in drei Tagen gewesen.

Ich lasse mich ein, erkläre wo ich Sinn und Nutzen von guten Ökologen sehe und was sie besser machen sollten. Das wichtigste von allem ist, den Leuten zu erklären, was man vorhat, beschreiben was da lebt, wozu man es schützen möchte und wer einen Nutzen davon bekommt und wieviel der Beitrag zum guten Zweck wirklich kostet. Letztlich ist es eben doch ein Dreinreden, Eigentumsverhältnisse werden tangiert und das ist eine ernste Sache. Ökologen in ihrem Eifer vegessen oft, dass die Welt nicht auf sie gewartet hat.

Und ich mache auf das wichtigste von allem aufmerksam: Meine jungen Studienkollegen an der Uni werden nach Strich und Faden beschissen. Sie werden um ihre berufliche Zukunft betrogen. Sie lernen nämlich nicht einmal mehr Blümchen zählen. Wenn man ihnen die Blümchen nicht beibringt, dann werden sie sie auch nie zählen können.

Was dann daraus wird, sind dann verbeamtete Besserwisser, solche die einfach über die Leute verfügen, arrogant befehlen können, weil die Vorschriften es ihnen erlauben. Und früher als später werden die Leute dann wirklich „verruckt“ und tun das einzig richtige: Die Gesetze ändern, den Laden zumachen, die Blümchenbosse auf die Strasse stellen. Das geht in einer direkten Demokratie manchmal sehr schnell.

So fehlen am Schluss nicht nur die Blümchenzähler sondern auch die Blümchen zum Zählen.

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4 Gedanken zu „Blümchenzähler

  1. Ja ich mache die Leute verrückt. Mir ist eben nicht egal wenn noch der letzte Bach vergiftet, das letzte Blümchen ausgerissen, der letzte Luchs abgeknallt wird. Da anscheinend die elementarsten Regeln missachtet werden und die Natur dabei zerstört wird, das ist gewissen Kreisen absolut egal. Dann hilft kein erklären, da hilft nur noch das Gesetzt und nichts anderes. All diese Gesetze sind eben da, weil unverbesserliche jede Lücke ausnützen.

    Wenn jemand nicht weiss warum ein Hochmoor Renaturiert wird, dann kann er das googeln. Abgesehen davon wurde dies vom Volk angenommen. Wir brauchen keine Schautafeln jeden Meter. Sie schreibe, dass keiner den Wert dieses Moors erkannt hat. Ich behaupte einmal etwas anderes,. Den Ortsansässigen ist das absolut egal, denn ein Quadratmeter der keine Subventionen bringt, hat für die keinen Wert. Das kann getrost als Müllkippe etc.., missbraucht werden. Das ist eine politische Grundhaltung: Ich darf alles zerstören und kein studierter Idiot / Städter, Tierlifreund redet mir da rein.

  2. @Hansli
    Was das renaturierte Hochmoor angeht: Ich wollte eigentlich das gleiche gemeint haben wie Sie auch. Es hat niemanden gestört, das Hochmoor zu renaturieren, weil man dort sowieso keinen Ertrag hatte. Also hat man sich auch nicht gestört an der Sache. Die meisten wissen davon, haben Freude, dass es geklappt hat. Aber sie kommen nicht draus, warum es wichtig gewesen sein soll.

    Und nein, den Leuten hier sind weder die Bäche egal noch die Frage, wo der Abfall deponiert wird. Mein Eindruck ist, dass hier sehr viel mehr Leute sehr viel besser informiert sind in allen Belangen von Politik und Umweltschutz als in der Stadt. Wenn mich ein Thema interessiert, so bekomme ich hier auch von Handwerkern präzise und übersichtliche sachbezogene Antworten.

    Dass eine Deponie in der Kiesgrube die Umwelt, Trinkwasser und Flüsse gefährden kann, das wissen diese Leute und nehmen es sehr ernst und sie wollen das Fachwissen der Spezialisten nutzen und akzeptieren im allgemeinen auch die Vorschriften.

    Wenn ihnen aber danach noch einer Vorschriften macht, wegen eines Libellentümpels, dann hört der Spass auf. Solche Ideen kommen den Menschen hier auch selber. Sie haben auch Augen und Ohren im Kopf. Wenn dann dafür auch noch ein Blümchenzähler zum Dreinreden aus der Stadt kommt und man den zudem noch separat bezahlen muss, so hört das Verständnis auf.

    Wenn zum Schluss dieser Blümchenzähler noch so einer von den jungen von der Uni Bern ist, denen man nicht einmal die Blümchen gelehrt hat, dann ist er nicht einmal mehr ein richtiger Blümchenzähler, sondern nur noch ein schnöder Blümchenboss.

  3. @Jürg Ich hab da anderes erlebt. Das reicht von der Gülle im Bach bis zur illegalen Entsorgung von Agrarchemikalien in der Natur. Nicht zu vergessen allen nicht bewilligten Entwässerungen, ups war da etwa ein Moorgebiet… das ist nun eine Weide. Einige Kantone vernachlässigen aus politischen Gründen massiv ihre Pflicht.

  4. @Hansli

    Dass der Kanton Bern seine gesetzlichen Verpflichtungen nicht einhalte, das hingegen kommt hier sicher nicht vor. Die Bernische Vrwaltunngg, die finden immer noch ein Gesetz mehr, dass sie vollziehen können. Die verschaffen sich gegenseitig die Arbeit. Das Büro, das die Subventionen für die Drainagerohre bewilligt, ist im selben Haus und genau ein Stockwerk über dem Büro, das die Hand aufhält und sagt, Mommännnt, da isch es Hochmoor. Die Bauern bauen keine Drainagen neben Hochmooren, wenn sie nicht subventioniert sind. Diese nassen Wiesen sind dermassen kärglich im Ertrag, mit einer Moosdeckung in der Mähwiese von 10% bis 15%, und Seggen darin, dass sich da kein vernünftiger Bauer die Kosten auf sich nehmen würde.

    Hingegen arbeitet der Kanton Bern dermassen hart an all diesen Vorschriften, dass man daneben ganze Berufsbildungseinrichtungen in Grund und Boden stampft, weil angeblich kein Geld vorhanden sei. Die letzte ist jetzt die schweizweit führende Lehrwerkstätte für Damenschneiderinnen.

    Auch die Blümchenzähler der neuen Generation werden nicht zu gebrauchen sein, wenn die Uni sich weiterhin weigert, diesen die Blümchen beizubringen. Also wird dannzumal auch keiner mehr da sein, der die Hand aufhält und „Hochmoor“ rufen kann.

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