Lauter Löcher und kein Käse!

Das Bachelorstudium in Biologie an der Universität Bern zeichnet sich vor allem aus durch die mangelhafte Koordination zwischen den Lehrveranstaltungen. Sehr offensichtlich baden die Studenten aus, dass die Professoren hinter den Kulissen sich auch sonst nicht besonders gut vertragen.

Mangelhaftes Ausbildungsniveau:

Der Haupteinwand ist, dass in den ersten zwei Jahren die Studenten mit der Peitsche durch einen unkoordinierten Wust von Lehrveranstaltungen getrieben werden. In vier Semestern sind 40 Leistungskontrollen zu absolvieren. Das ganze mündet in stupides Auswendiglernen und 10 Monate später sind 85% vergessen, sogar in den Themen, die diese jungen brennend interessieren. Mehrmals hörte ich von jungen Studenten, dass a) die Lehrveranstaltungen über kein erkenntliches akademisches Niveau verfügten und im wesentlichen Lehrveranstaltungen auf Mittelschulniveau seien, und dass b) sie letztlich nach 4 Semestern nur wenig mehr über Biologie wissen als schon nach dem Gymnasium, nämlich die verbleibenden 15%.

Studenten der Pflanzenökologie bemängeln im speziellen den mangelhaften theoretischen Hintergrund und die fehlende Feldarbeit in der Ausbildung. Auffällig sei, dass auch die Doktoranden in ihren Vorträgen kaum theoretische Begründungen für ihre Arbeit liefern.

An meinen Studienkollegen liegt es nicht:
Mein Eindruck war, dass ich mit bodenständigen, nüchternen, arbeitsamen und leistungswilligen jungen Leuten zu tun habe. Sie nehmen die Ressourcen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, nehmen das Leben ernst und sind konzentriert bei der Sache.

Grundkenntnisse fehlen:
Aus Interesse verwickelte ich mehrmals in den Pausen Studenten aus dem 5. Semester in Gespräche über die Weismann’sche Schranke. Auf diesem Weg stiess ich auf erschreckende Bildungslücken bei den jungen. Mich interessierte ganz persönlich: „Was ist der heutige Stand der Forschung, besteht die Weismann’sche Schranke noch oder wird sie durchbrochen?“

Die Weismann’sche Schranke ist so zentral für alles was man in der heutigen Biologie macht wie das „law of large numbers“ in der Statistik. Ohne Weismann’sche Schranke geht gar nichts. Das Fachwort ist im deutschen Sprachraum nicht mehr so üblich. Also beschrieb ich den jungen das Prinzip: „Bei mehrzelligen Organismen passiert die Vererbung zu den Nachkommen auf einer Linie unabhängig von dem was die Elterngeneration an inneren Veränderungen und äusseren Einflüssen durchgemacht hat.“

Etliche der Studenten hatten keine Ahnung, wovon ich redete. Einer der klugsten (und ich meine der wirklich intelligenten) sagte: „Ich wüsste nicht warum das ein biologisches Prinzip sein sollte, über das man nachdenken muss.“ Von zwei Dutzend Studenten konnten drei je ein oder zwei Stichworte zu meiner Frage nennen. Diese wurden lose, ohne weiterführende Gedanken in die Diskussion geworfen (genannt wurden reverse Transkriptase, maternal effects, Epigenetik. Nicht genannt wurde horizontaler Gentransfer).

Eine ganz allereinzige Studentin fragte als erstes nachdenklich präzisierend: „Du meinst so etwas wie bei Lamarck?“ Ich antwortete, „Ja, vielleicht ähnlich, vielleicht auch anders.“ Es war diese allereinzige Studentin, die fähig war, in Zusammenhängen zu denken und das Thema in wenigen kurzen Sätzen auszuführen. Sie nannte Epigenetik als möglichen Weg, wie die Weismann’sche Schranke durchbrochen werden könnte und sie konnte auch erklären, was erfüllt sein müsste, dass auf diesem Weg die Schranke durchbrochen würde und auch, auf welchem Weg man das in der Forschung feststellen könnte.

An die Mathematiker, Statistiker, Physiker, Chemiker unter den Anwesenden:
Was würden Sie zu einem Hauptfach-Statistikstudenten sagen, der Ihnen nach vier Semestern nicht in einem Satz sagen könnte, was das „law of large numbers“ ist?
Wenn er nicht dazu in zwei Sätzen anzufügen vermöchte, warum dieses Theorem für die Statistik wichtig ist, in weiteren zwei Sätzen, wo es in der aktuellen Diskussion in Frage gestellt wird?
Was würden Sie zu einer Universität sagen, wo 95% der Statistikstudenten nach vier Semestern die Frage nach dem „law of large numbers“ nicht beantworten können?
Eben, und genau darum bin ich dermassen alarmiert!

Reaktion der Studenten:
Meinen Beobachtungen zufolge, verlassen die begabten unter den Ökolgoiestudenten die Universität Bern, sobald sie den Bachelor abgeschlossen haben. Ich höre unterschiedliche Begründungen, fehlende theoretische Grundlagen, fehlende Feldarbeit, fehlende Ausbildung in Artenkenntnis, fehlender Bezug zur Berufswelt ausserhalb der rein akademischen Forschung und in einigen Kommentaren auch mangelhafte, chaotische Lehrveranstaltungen und Willkür bei der Notengebung.

In allen Fällen ergeben vertiefte Gespräche, dass diese Kritik nicht aus dem hohlen Bauch geäussert wird, sondern dass die Studenten sorgfältig und über mehrere Monate hinweg über diese Dinge nachgedacht hatten. Ihre Entschlüsse fällen sie, trotz anfänglich grosser Unsicherheit, selbstbewusst und unbeirrbar.

Auffallend ist einfach, dass es die Begabten sind, die die Uni und das Fachgebiet verlassen. Es sind diejenigen, die wirklich verstanden haben, worum es in dem Fach geht. Und ich höre immer wieder von Studentenseite Kritik über die Lückenhaftigkeit der Ausbildung. Die Kritik der Studenten trifft sich teilweise gut mit der Kritik, die von potentiellen Arbeitgebern geäussert wird.

Von Seiten von Arbeitgebern:
Als Kritik von Arbeitgebern in der Privatwirtschaft höre ich, dass das Berichteschreiben das einzige sei, was Ökologen aus Bern können. Kein Ökologe findet in der Schweiz Arbeit ohne gründliche Artenkenntnis in wenigstens ein, möglichst zwei Organismengruppen. Kein Ökologe, der nicht fähig ist, sauber und selbständig Arten zu bestimmen, kann gebraucht werden.

Mein eigener Eindruck:
Unter dem Strich ist das Ökologiestudium in Bern viel zu sehr an der Primärliteratur ausgerichtet und daran, selber Berichtlein zu schreiben und Präsentationen zu machen. Im dritten Jahr müssen die Bachelorstudenten 10 bis 12 Seminararbeiten und Berichte schreiben und 9 bis 10 Powerpoint-Präsentationen machen. Es läuft darauf hinaus, dass diese Biologen in einem Zustand ständiger Überforderung fortlaufend Wissen verkaufen, das sie selber gar nicht wirklich verstanden haben.

Dafür fehlen im gesamten Bachelorstudium Praktika mit Ausnahme von ganz wenigen Dozenten, die sich noch an hergebrachten Unterrichtsmethoden orientieren. Die meisten der durchgeführten Praktika sind zu kurz, zu dürftig, zu oberflächlich. Die Studenten leiden. Sie möchten die Dinge anfassen, daran üben, beobachten, lernen. In geführten Praktika mehr als in jeder anderen Sorte von Lehrveranstaltung können Studenten lernen, den Dingen auf den Grund zu gehen, alles richtig und in Zusammenhängen durchzudenken.

Warum eigentlich fehlen die Praktika? Ein Praktikum organisieren und betreuen, gibt wesentlich mehr Arbeit als ein Literaturseminar. Die Dozenten schonen sich, einen anderen realen Grund kann ich leider nicht erkennen. Nutzen für die Studenten auf dem Bachelorniveau hat die obsessive Beschäftigung mit der Primärliteratur keinen.

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Vom Autoren ergänzt am 5. Februar: Der Abschnitt über die Reaktion der Studenten wurde in wesentlichen Teilen überarbeitet.

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