Häfelibotaniker.

Wir haben in Bern das „Oeschger Zentrum für Klimaforschung“. Das besteht vor allem aus einem Sekretariat, das die Forschungs- und Lehrtätigkeiten von verschiedenen Instituten, Geographen, Biologien, Physikern koordiniert. Für die Studenten in Klimawissenschaften bietet die Arbeitsgruppe der Pflanzenökologen ein Seminar an in „global change ecology“.

Dort zeigte sich, dass jeder gnadenlos gestraft wird, der über die ökologische Interpretation von biologischen Feldbeobachtungen nachdenkt. In Bern werden die Biologen nicht mehr in dieser Kunst ausgebildet und es fehlt am fachlichen Können beim Personal. Ausserdem ist die globale Erwärmung die Ursache der kommenden Apokalypse und wer zu diesem Thema den wissenschaftlichen Diskurs sucht, überfordert die Leute.

Was für eine Sorte von Ökologen das sein soll, wird für mich immer mehr zum Rätsel.

Im Seminar zur „global change ecology“ sollte jede Woche ein anderer Student einen Vortrag halten und bekam hinterher auch eine Note dafür. Ich hatte mich freiwillig gemeldet, den ersten Vortrag am Semesteranfang zu halten. Also konnte ich nicht einfach abschauen, wie die anderen es machten, sondern musste gewissenhaft den erteilten Auftrag interpretieren und ausführen.

Meine Aufgabe war, das Thema Phänologie in der Erforschung von globalen Veränderungen vorzustellen, dazu drei papers kurz zusammenzufassen und die darauf folgende einstündige Diskussion vorzubereiten.

Ich bekam drei papers, die man als Murks bezeichnen kann – vor allem die Arbeit über die Flugdaten der Schmetterlinge erscheint beim Wiederlesen als schwachsinnig. Ich finde ich es eine Zumutung, dass man mir so etwas unterjubelte. Es ist die Fingerübung eines Anfängers, die augenscheinlich keinen ordentlichen Zugang zu passenden statistischen Methoden zur Verfügung hatte. Die einzige richtige Reaktion wäre, solche papers zurückzuweisen.

Damals habe ich es so gemacht, dass ich die wichtigsten Ergebnisse aus den Arbeiten zusammenfasste. Ich zeigte zudem, welche Diskussionspunkte die Autoren selber als Einschränkungen vorstellten. Danach erklärte ich, warum man auf diese Art nicht ökologische Schlussfolgerungen aus Felddaten ziehen darf.

Als Beispiel: Roy & Sparks (2000): Phenology of British butterflies and climate change. An 100 Standorten aus ganz Grossbritannien wurden entlang eines Transektes während 25 Jahren einmal wöchentlich die Art und Anzahl der Schmetterlinge erhoben. Auf der website zum British Butterfly Monitoring Scheme erfahren wir, dass keinerlei ökologische Angaben zu den Standorten und zum Wetter vorhanden sind, ausser etwas zur Formation der Vegetation (Waldrand, Mähwiese, Düne) und dass das Wetter entweder sonnig und mehr als 16°C oder bewölkt und mehr als 17°C, sowie windstill war. Was immer sich sonst noch so verändert, Stickstoffgehalt im Boden, Habitatfragmentierung, Zusammensetzung der Pflanzendecke (Futterpflanzen), Änderungen der Landnutzung, all das fehlt. Es fehlen auch Angaben, wie die Standorte für die Transekte überhaupt ausgewählt wurden, ausser dass sich in der Nähe ein interessierter Schmetterlingskundler fand.

Die meisten der 35 Schmetterlingsarten flogen 1998 zwischen 3 und 15 Tagen früher als 1976. Als Klimamessung wurde eine einzige Temperaturmesstation in Zentralengland genommen. Weil die von dort erhobene Frühlings- und Sommertemperaturen in den Monaten vor dem Flugtermin einigermassen negativ korrelieren mit dem Flugdatum, wird grosszügig geschlossen, dass die Klimaerwärmung der Grund für die früheren Flugtermine sei.

Ich erklärte im Vortrag, dass die Autoren selber gemerkt hatten, dass es nicht so schön aufgeht, dass nämlich nur ein Teil des Trends in den Flugterminen mit der Temperaturänderung erklärt werden kann. Ausserdem zählen sie eine grosse Zahl von confounding factors auf. Also erklärte ich als Einstieg in die Diskussion, dass man andere mögliche erklärende Faktoren suchen und erforschen müsse, bevor man auf die Kausalität schliesse.

Was passiert? Der eine Assistent greift mich mitten im Vortrag schon frontal an, was ich da erzählen täte, stehe nicht im paper. Das tut er zweimal, während ich das Argument entwickle. Auch als die Diskussion eröffnet wird, kommt er wieder mit demselben Angriff. Schliesslich muss ich das paper hervorkramen und zeigen, in welcher Textestelle, auf welcher Seite die Autoren ihre eigene Skepsis ausformuliert hatten.

Die Studentinnen bleiben ziemlich cool, wollen der Sache auf den Grund gehen. Also stellen sie technische Fragen zur statistischen Methodik. Diese hatte ich als Ausgangspunkt für meine Kritik genommen. Der zweite Assistent geht geduldig auf diese Fragen ein und erklärt die technischen und statistischen Details. Leider bleiben wir dann in der Methodik stecken. Das heisse Eisen wagt nach all dem Gemotze des ersten Assistenten niemand mehr anzufassen, nämlich die Frage, welche alternativen Erklärungen man für die frühere Flugzeit der Schmetterlinge suchen könnte.

Ich hatte mich sorgfältig auf diesen Teil der Diskussion vorbereitet. Aus rein phänologischen Daten ökologische Schlussfolgerungen zu ziehen, ist schwierig. Die Einschränkungen sind immens. Da kann die Datenreihe noch so lang und noch so eindrücklich umfangreich sein. Diese notwendige Diskussion hat der erste der beiden Assistenten leider mit seinen unmotivierten Angriffen kaputt gemacht.

Am Schluss der Veranstaltung motzt der Assistent weiter: Jetzt habe man eine Stunde über statistische Methodik geredet und nicht über Phänologie… Der ganze Aufwand für diesen Vortrag wurde mit Note 4.5 bewertet. Ich hatte das Thema umfassend bearbeitet, wie es in 20 Minuten halt möglich ist. Da müsste eine schlechte Note schon begründet werden.

Was als Eindruck bleibt: Ich hatte mit zwei Pflanzenökologen zu tun. Der eine macht seine gesamte Forschung in Blumenhäfen im Gewächshaus. Der andere macht zusätzlich Feldexperimente in Weiden und Mähwiesen. Von eigenen Erfahrungen mit der Auswertung von Feldbeobachtungen und deren ökologischer Interpretation bringen die beiden jedenfalls nichts in die Diskussion ein. Ich hatte meine Fragen zum Thema sorgfältig vorbereitet. Augenscheinlich war der Leiter der Lehrveranstaltung überrumpelt von der Ernsthaftigkeit, mit ich mich vorbereitet hatte. Er war offensichtlich überfordert, zum Thema einen wissenschaftlichen Diskurs zu führen.

Und als zweites, ich hatte das zentrale Dogma des Oeschger Institutes in Frage gestellt: Die Welt geht unter, weil das Klima wärmer wird. Wenn ich da dreinrede, ist das natürlich eine ganz schlimme Scheisse, weil Leute aus der halben Welt extra nach Bern kommen, um an diesem Apokalypsen-Spektakel teilnehmen zu dürfen und das Renommée dieser Uni auf dem Spiel steht, wenn dieses Evangelium in Frage gestellt wird.

Und warum mich das alles so aufregt? Eigentlich nicht wirklich wegen der Note, die ich bekomme. Aber ich sehe, wie meine jungen Studienkollegen während der ersten beiden Studienjahre oberflächlich ausgebildet werden in den biologischen Grundlagen. Massenhaft stupides Auswendiglernen hilft nicht wirklich, wenn man sich in die Dinge vertiefen und Zusammenhänge durchdenken soll. Sie haben hinterher kaum Möglichkeiten, solche wissenschaftliche Arbeiten einigermassen einzuschätzen oder sich Alternativen zu überlegen.

Unwissende Menschen sind leicht zu manipulieren. Wir ziehen Leute heran, die alles genau und bestens wissen, ohne einen sinnvollen akademischen Diskurs führen zu können. Am Schluss haben sie einfach auswendig gelernt, was man ihnen so als poppige Slogans auf die powerpoint Folien legt. Mich stört weniger meine schlechte Note als vielmehr der Missbrauch, der hier an begabten, hart arbeitenden, konzentrierten jungen Menschen betrieben wird. Wenn eine meine Note das Zeugnis für die fachlichen Voreingenommenheit der Leiter einer Lehrveranstaltung ist, dann scheint es mir nötig, mich zu wehren.

Muss man sich in Bern als Ökologiestudent dumm stellen, wenn man gute Noten bekommen will? Leider bin ich für das Dummstellen zu blöde.

Vom Autoren in Details überarbeitet, 30. Januar, 14:55

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2 Gedanken zu „Häfelibotaniker.

  1. Vom einen der Assistenten erreichte mich heute eine ausführliche email mit umfangreichen Literaturhinweisen, welche Feldforschung beide von den Leitern dieses Seminars in der Vergangenheit publiziert haben. Er forderte mich auf, meinen augenscheinlich fehlerhaften Abschnitt zu den entsprechenden beruflichen Qualifikationen zu löschen.

    Löschen tue ich in meinen Blogs eingentlich nie irgendetwas. Ich habe den entsprechenden Abschnitt angepasst. Die Behauptung, die beiden hätten keine Erfahrung mit Feldforschung war ein Irrtum.

    Hingegen bleibe ich dabei, dass nichts, aber wirklich gar nichts in der Diskussion darauf hinwies, dass die beiden etwas zu dem Thema wussten, wie man eine lange phänologischen Datenreihe ökologisch sinnvoll interpretieren kann, wenn Messdaten zu Umweltparametern nahezu vollständig fehlen.

    Meine Bemühungen, zu diesen Fragen eine Diskussion in Gang zu bringen, wurde von dem einen Assistenten mit unmotiviertem, destruktivem Gemotze gebodigt. Ich habe das über 40 Minuten lang ausgehalten, bin ruhig und konzentriert bei der Sache geblieben und habe getan was man mir erlaubte, um ein spannendes Gespräch am Laufen zu halten.

    Wenn die beiden denn schon erfahren sind in Feldforschung und sehr gut wissen, wieviel es braucht, wenn man von Korrelationen auf Kausalitäten schliessen will, warum dann lassen sie allen Sachverstand links liegen, sobald es um die aktuell mödische Klimahysterie geht?

    Und wenn man schon Korrelationen berechnet, warum unterrichten sie nicht grad, wie man das mit den vorliegenden Daten wennschon richtig macht? Die Mängel in den mir aufgetragenen Publikationen waren wirklich allzu offensichtlich.

    Und zu guter Letzt: Warum hat man es nötig, einen unbeliebten Diskussionsbeitrag mit einer 4.5 als Note zu strafen?

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