Vollstrecker.

Was genau ist der Wert eines Ökologen ohne Artenkenntnis?

Als Ökologe in der freien Wirtschaft erklärte unser treuer Leser Hansli, dass seine Gutachterarbeit nicht sinnvoll erledigt werden könne ohne solides Detailwissen in einer Reihe von Spezialdisziplinen. Dazu gehöre auch eine zuverlässige Artenkenntnis.

Über den heutigen Zustand der universitären Lehre in Systematik schreibt er:

Allerdings kann Systematik / Taxonomie nur beschränkt gelehrt werden. Das ist viel zu umfangreich und wird immer ein kratzen an der Oberfläche bleiben. Alle die ich kenne haben sich das in der Freizeit seit ihrer Kindheit angeeignet oder während ihrer Doktorarbeit.
Im Prinzip haben wir Unis mit stark abgebauter Systematik / Taxonomie / Life History dieser Arten, kombiniert mit immer weniger Studenten die wirklich daran interessiert sind. Das Studium wird zu oft mit einem reinen Punktesammeln verwechselt.

Ich widme meiner Antwort einen eigenen Blogeintrag.

Das Problem bei uns Botanikern ist, dass schon bald die Leute fehlen werden, die überhaupt Artenkenntnis unterrichten können. Mit wenigen Ausnahmen sind diese Leute schon über 50 Jahre alt.

Einverstanden bin ich, dass die wirklich guten Artenkenner das schon von Kind auf gemacht haben. Das ist wie bei Berufsmusikern oder Spitzensportlern. Wer als Erwachsener anfängt wird zwar vieles lernen können, aber er wird nur in Ausnahmefällen zum Spezialisten.

Ich selber kannte am Anfang meines Studiums gerade den Unterschied zwischen Aprilglocke und Tulpe und zwischen Buche und Eiche und Ahorn (aber welcher aus der Gattung?). Echt, nicht einmal eine Ulme oder Esche konnte ich damals benennen. Da war wirklich alles neu. Darum habe ich ungefähr eine Ahnung, was es heisst als Erwachsener sich Artenkenntnis anzueigen, wieviel Arbeit das gibt und auch wo die Grenzen des möglichen sind. Ich denke, dass ich eine brauchbare Kenntnis hatte, die ein vernüftiges Arbeiten ermöglichte. Ich war in jedem Fall auf Kontakte zu Könnern angewiesen.

Nicht nur bricht die Lehre zusammen, es fehlt auch das notwendige Netzwerk an Spezialisten, die Leuten wie mir im Bedarfsfall den Rücken decken könnten.

Hingegen können die ganz allermeisten Berufe für Ökologen nicht ohne Artenkenntnis ausgeübt werden:

In Umweltbüros wie Hansli das beschreibst geht es überhaupt grad gar nicht. Man ist schlicht nicht fähig, die Arbeit zu erledigen. Im Kanton Bern werden zur Zeit Magerrasen neu kartiert, um Bewirtschaftungsverträge mit Bauern abschliessen zu können. Schweizweit sind Neukartierungen der Hochmoore angesagt. Angestellt werden Leute zwischen 45 und 55. Dass überhaupt je ein 35-jähriger oder jüngerer Biologe für diese Arbeit eingesetzt wurde, wäre mir nicht bekannt.

Mittelschullehrer ohne Artenkenntnis langweilen ihre Schüler und werden früher oder später zur Witznummer.

Beamte in Natur- und Umweltschutzämtern werden zu Vorschriften-Vollstreckern und Aktenschiebern. Das ist der schnellste Weg überhaupt, um ein wichtiges Anliegen in Verruf zu bringen.
Die Bürger müssen dann einfach gehorchen, aber sie sehen den Sinn nicht ein. Früher oder später wird das Parlament Strafaktionen gegen überbordende Bürokratitis unternehmen. Dem Bafu wurde vor ca. 8 Jahren in einer solchen Aktion 50% des Budgets weggenommen.

Gleichartige Kürzungen blühen auch all den anderen staatlich bestellten Natur-, Arten-, Umwelt-, Landschafts-, Heimat-, Denkmalschützern. Ihre Anliegen können sie nur wirklich schützen, wenn sie fachlich gut ausgebildet sind und in jedem Fall mit Überzeugung und Detailkenntnis die Bürger unterrichten, wozu eine bestimmte Massnahme gut sein soll.

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4 Gedanken zu „Vollstrecker.

  1. Botanische Artenkenntnisse bis zu einem gewissen Grad im Selbststudium erlernbar. Ich kann ein Bestimmungsbuch nehmen, rausgehen und ohne Probleme übern. Allerdings sollte die Grundlage dazu gelehrt werden, das heisst die Merkmale und ihre Bezeichnungen müssen erlernt werden. Was ist wulstige Rippe, was eine stumpfe etc…. . Das müsste einem die Uni mitgeben. Die Artenkenntnis kann danach jeder selber übern. Ich würde jedem die Botanik empfehlen. Aus den Arten lassen sich sehr genau die Standortbedingungen mit den Landolt-kennzahlen errechnen. Daraus lassen sch schnell und exakte Aussagen treffen. Das ist die perfekte Artengruppe für diejenigen, die sich nicht seit der Kindheit damit beschäftigen. Nun wird mir jeder entgegen: Wir haben 3000 Pflanzenarten, das sind massiv mehr als Fische, Säugetiere oder Vögel. Das ist doch das schwierigste! Ich behaupte einmal nein. Fische, Säugetiere und Vögel zeigen als Tiere ein verhalten. Wie sie sich im Lebensraum bewegen zum schlafen, fressen, etc. Das lässt sich nur bedingt aus Büchern lernen. Das bedingt sehr viele Beobachtungen im Feld, bis jemand die Arten wirklich kennt. Fischer, Jäger und Ornithologen verbringen oft ihre ganze Freizeit im Feld. Das lässt sich nicht mehr aufholen. Bsp. Ich konnte mich lange mit einer Vogelart beschäftigen. Am Schluss musste ich ein neues Gebiet nur kurz überblicken und ich konnte die Anzahl Brutreviere sehr genau schätzen. So kann ich die Zeit für die Kartierung sehr genau Abschätzen. Denn Zeit ist Geld, Geld ist knapp und so kann die Offerte realistisch berechnet werden. Zudem findet ein geübter Biologe ein Tier mindestens 10 mal schneller.
    All dies Probleme existieren mit Pflanzen nicht. Die sind entweder anwesend oder abwesend.
    Insekten sind hingegen eine Sache für sich. Das wird nicht gelehrt und ohne Hilfe ist man überfordert.

    Randbemerkung: Je weniger Heimatschutz desto besser. Die haben zu viele Renaturierungen abgeschossen.

  2. @Hansli

    Der Heimatschutz schiesst Renaturierungen ab? Wie kommt das? Ich habe den Heimatschutz bisher nur als verbohrten Haufen von post-marxistischen Antikapitalisten und Wirtschaftsfeinden wahrgenommen.

    Dass man Pflanzenbestimmen selber lernen kann stimmt in einigen Bereichen. In jedem Fall muss man sehr viel selbständig üben und die Musse haben, zu sammeln und in den Büchern zu kramen. Wie bei jeder anderen Organismengruppe muss man auch hier lernen, genau zu beobachten und ein Auge zu bekommen dafür wie die Merkmale und Details zusammengehören. Dafür ist eine gute Schulung sehr hilfreich. Ich denke nicht, dass man das alleine kann.

    Die richtigen Beobachtungen im Gelände vorzunehmen, wissen wo hinschauen, ich denke nicht, dass man das selber erlernt.

    Der Vorteil liegt eher darin, dass man die Pflanzen jederzeit beobachten kann und sie nicht davonlaufen. Man kann immer Belege in grosser Zahl einsammeln und als Student in den Unterricht mitbringen, um nachzufragen. Das ist ein wichtiger Grund, warum der Unterricht in der Botanik schneller zum Ziel führt als bei Vögeln oder Käfern.

  3. Im Gewässerbereich ist der Heimatschutz einer der grössten Verhinderer. Sobald irgendein Bauwerk geschleift werden muss, wird Einsprache erhoben. Beim Linthkanal haben die sogar gefordert, dass der Betonkanal erhalten bleibt. Dieses Beispiel aus der Zeitung ist nur der Gipfel des Eisberges.

    Ich war bisher an 2 Bestimmungskursen des Naturhistorischen Museums in Bern. Beide waren zwar allgemein gut Besucht, aber schlecht von Studentenseite. Das kann ich nicht wirklich verstehen, wir hätten uns um einen solchen Kurs geprügelt.

  4. Danke für den Hinweis auf die Bestimmungskurse. Ich hebe mir die für später auf. Dann werde ich zwar ein alternder Mann sein, aber kein Student mehr.

    In Bern macht der Denkmalschutz solches: In Bümpliz gibt es drei Wohnsilos mit je ein paar hundert schmalen Wohnungen aus den 70er Jahren. Die Wohnbaugenossenschaft hatte die ersten beiden saniert mit verbesserter Fassadenisolation und enorme Mengen Heizöl gespart. Als man beim dritten die Fassade neu isolieren wollte kam doch tatsächlich der Denkmalschutz daher und verbot es von wegen diese Bauten seien ein architektonischer Zeitzeuge der 70er Jahre. Das ist der reinste Albtraum.

    Ich habe eine dieser Wohnungen von innen gesehen. Mir vorzustellen, dass man ein solches Ungetüm nie mehr sollte zusammenschlagen, wegräumen und ersetzen dürfen. Unsere Schweiz wird künstlich zum Museum ihrer selbst gemacht, ausser dass niemand Eintritt zahlen wird und niemand das Defizit übernehmen will.

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