Semesterferien.

Seit die Hunnen eingefallen sind und unsere Uni plündernd und brandschatzend bolognareformiert haben, sagt man nicht mehr „Semesterferien“ sondern „vorlesungsfreie Zeit“. Ich selber absolviere wegen meiner gesundheitlichen Situation ein reduziertes Pensum. Dennoch ist eine Reihe von Aufträgen zu erledigen, die jeder die ganze Aufmerksamkeit erfordern.

Dröhnend in der Erinnerung ist die Ermahnung vom Professor, dass ich eine Grundstruktur, ein erstes Inhaltsverzeichnis für die Diplomarbeit vorlegen solle. Und er schätze es gar nicht, wenn ich ein ganzes Herbstsemester lang selbstbestimmt mein Pensum gestalte. Verpasst hatte er, dass diese verlangte Grundstruktur längst geschrieben ist. Ich hatte daraus meine Wissenslücken abgeleitet und ein Semester lang hart gearbeitet, diese aufzufüllen. So gesehen wird es eine gut geordnete und überschaubare Arbeit, wenn ich jetzt mein Material für die Diplomarbeit neu einsammle.

Ich hätte wohl die Gewohnheit, immer alles in meinem Leben selber zu beurteilen, liess ich mir auch noch sagen. Ich meinte eine Art bärbeissiges Schmunzeln bei dieser Bemerkung mitzubekommen. Nun denn, ich sehe mich als erwachsen an. Da gehört selber denken und selber urteilen dazu.

Ausser diesem nächsten Arbeitsschritt an der Diplomarbeit selber, sind ein paar Aufgaben anzupacken, die ich schlauerweise alle um das Thema meiner Diplomarbeit gruppiert hatte. Das nennt man dann nicht mehr „immer alles im Leben selber beurteilen“, sondern „vorausschauende Planung“.

Für den Statistikkurs in experimentellem Design und R-Programmierung soll ich simulierte Daten auswerten und einen Bericht schreiben. Mein Vortrag darüber war ziemlich abverheit und exemplarisch für das mittlere von 3 Stadien, in denen bei mir das System zusammenbricht. Das passiert regelmässig wenn ich zu schnell, zu viel, zu komplexes bewältigen muss. Komplex heisst in diesem Zusammhang nicht „komplizierte Gedanken“ sondern Vielfalt von unterschiedlichen Sinneseindrücken und von deren kognitiver Verarbeitung. Das gleiche könnte genausogut beim Besuch einer Ausstellung über William Turner passieren. Mein abstraktes Denken passierte schon in meiner Kindheit in räumlichen Bildern und Körperbewegungen. In die Sprache fällt es immer erst am Schluss.

Schlauerweise habe ich für diese statistische Übung ein Beispiel genommen, das zu meiner Diplomarbeit passt. So gewinne ich schneller den Überblick. Und später kann ich die Überlegungen zu diesem Semesterkurs in neuer Form für die Diplomarbeit weiterverwenden.

So gesehen geniesse ich, dass ich jetzt sechs Wochen lang den Gedanken und meinen Eindrücken zusehen kann, wie sie sich in ihre Ordnung schieben. Wofür ich vor meiner Hirnverletzung in drei bis fünf Tagen chrampfte, dafür brauche ich heute drei bis fünf Wochen, immer wieder daran schaffen und viel Pausen und viel Ruhe dazwischen. Der Unterschied war, dass ich früher meinte, es sei die Frucht harter Arbeit, wenn ich an das Ziel komme. Heute muss ich vertrauen auf das, was von selber kommt. Hätte ich dieses ruhige und gerichete Vertrauen nicht, so wäre ich in dem jetzigen Studium chancenlos. Vielleicht ist diese Art von Vertrauen Ergebnis meiner Erfahrungen aus der Neurorehabilitation. Vielleicht ist es auch nur die Gelassenheit des Alters. Altwerden hat auch seine schönen Seiten.

Noch sein grosser Brocken: Ich soll ich eine Seminararbeit schreiben zur Frage, ob Ökosysteme überhaupts emergente Eigenschaften haben und wie diese gemessen werden können. Die Frage enthält a) eine Überschreitung von mindestens zwei Ebenen von logischen Typen und man kann b) sie nur tautologisch beantworten. Der schlaue Fuchs von Professor hat uns gebeizt, dass es kein Denken über Systeme brauche, wenn man beschreibe, was die meisten Ökologen als Systemeigenschaften vorstellen: Energie- und Materieflüsse in einem Biotop können ausreichend mit Hilfe von Populationsdynamik, Konkurrenz und trophischen Ketten von Fressen und Gefressenwerden erklärt werden. Ein „Ökosystem“ braucht es dazu nicht. Hingegen, sobald wir aus welchem Grund auch immer gezwungen werden, ein System als ganzes zu beschreiben, so ist die Beschreibung dieses Systemes für sich gesehen eine emergente Eigenschaft des Systems. Ohne eigene Beschreibung gibt es kein separates Dingsbums.

Ich mache mir auch das so passend zur Diplomarbeit wie möglich und werde über Wälder an alpine Waldgrenze und deren Regulierung filosofieren. So kann ich mir selber auf die Sprünge helfen und die Fragen zu meiner Diplomarbeit ins Licht rücken.

Der Brechbühl wäre nicht der Brechbühl stünde in diesen Ferien nicht auch noch Ärger ins Haus. Man könnte sich das Leben einfacher machen und einfach den Kopf einziehen und sich davonmachen, wenn es schwierig wird. Das wird leider unmöglich, wenn ich mich zu dem Zweck auch noch dumm stellen sollte. Sagt man „dr Gschiider git nah“, dann fordert man kaum „dr Gschiider steut sech dumm“.

Ich werde den leitenden Assistenten aus einem ökologischen Seminar zur Rede stellen müssen, wie er auf die hundsmiserable Note für meinen Vortrag kam. Ich hatte geredet über mögliche Korrelationen zwischen phänologischen Daten und globaler Erwärmung. Ich sollte das Thema zur Diskussion einführen, dazu drei wissenschaftliche Arbeiten kurz zusammenfassen und die offenen Probleme erklären. Die Fachartikel waren vom Assistenten vorgegeben worden. Nun denn, was bei den Vorbereitungen passierte: ich bemerkte den Pferdefuss, nämlich dass phänologische Daten so gut wie nie zusammen mit Umweltdaten erhoben werden. Versuche, hinterher von langjährigen Datenreihen auf die Veränderungen von Umweltbedingungen zurückzuschliessen, sind in keiner Art trivial. Ich erklärte, warum die Schlussfolgerungen in der einen Publikation nicht zulässig sind. Insbesondere konnte ich darstellen, dass die Autoren selber auch gemerkt hatten, wie unzuverlässig ihr Zugang zu den langjährigen Datensätzen war.

Das habe ich in all den Jahren an der Uni noch nie erlebt, weder bei mir noch bei jemand anderem: Ich wurde mitten im Vortrag frontal angegriffen. Was ich da sagen täte, stehe nicht in der Publikation. Man braucht schon sehr viel innere Ruhe und Selbstsicherheit, um in einer solchen Situation kühl zu bleiben, das Argument zu entwickeln und den Assistenten hinzuweisen, dass man selber das paper gut gelesen hatte.

Wenn ich zurückschaue auf diesen Konflikt, so beinhaltet er zum wesentlichen drei Komponententen. a) Der Assistent hatte ein bestimmtes Ergebnis, eine bestimmte Schlussfolgerung aus diesem Vortrag vorgeplant für seine Lehrveranstaltung. Er hatte nicht mit meiner selbständigen Arbeitsweise gerechnet. Ohne es zu beabsichtigen, war ich zum Spielverderber geworden. b) Der Assistent war augenscheinlich überfordert mit dem akademischen Diskurs, wie er sich zwangsläufig ergibt, wenn man eine wissenschaftliche Arbeit kritisch vergleicht. c) Leider bin ich als ewiger Student der einzige im Raum, der noch in der statistischen Auswertung von Feldbeobachtungen ausgebildet wurde. Es ändert nichts, wenn unsereins als „Blümchenzähler“ verspottet wird. Als Feldbotaniker sind wir geschult worden, zu unterscheiden, welche ökologischen Aussagen man anhand von Naturbeobachtungen machen kann und wo die Grenzen des möglichen sind. Wir merken, wenn man uns Schmarren andreht, voreilige Schlussfolgerungen aus Felddaten aufschnorrt. Die von mir besprochene Publikation war in dem Punkt schlichtweg naiv.

In jenem Fall hätten lokalisierte Messungen zu mindestens sechs bis acht Umweltparametern geholfen und eine dazugehörige Hauptkomponentenanalyse. Mir kommen auf Anhieb mindestens zwei oder drei weitere Problemlösungen in den Sinn. Entsprechend hatte ich mich auf die Diskussion vorbereitet. Mir schien es richtig, mein ganzes Vorwissen zu nutzen und das beste zu geben, was ich für dieses Thema zu geben hatte. Das Resultat von meinen Bemühungen ist nicht besonders ermutigend.

Ich werde den Konflikt mit dem betreffenden Assistenten unter vier Augen zu lösen suchen. Am stechendsten stinkt nicht die schlechte Note. Was mir wirklich stinkt ist die Aussicht, durchzuhalten an einem Ort, wo der akademische Diskurs gescheut wird und wo der Student unter keinen Umständen über Wissen verfügen darf, das seinen Dozenten fremd ist. Mich selber dumm zu stellen, das wäre die schwierigste Aufgabe von je und überhaupts in meinem Leben.

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2 Gedanken zu „Semesterferien.

  1. Ohje.

    Wehe dem, der sieht. Er wird geblendet!

    Sich dumm stellen geht gar nicht. Bitte lieber darauf hoffen, dass eines Tages einer im Publikum sitzt und sagt: „Läck, das habe ich auch immer gedacht, aber ich hatte keinen Mut es anzusprechen.“ Und dann sitzen immerhin schon zwei diesseits.

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