Weihnacht der Untoten.

Warum muss ausgerechnet in der letzten Woche vor Weihnachten ein Semester enden? Die Studenten werden mit dem Stress von Prüfungen und Noten geplagt. Und noch schlimmer ist der Stress der Dozenten mit den Qualitätsbewertungen. Schmausend festen hier die Untoten. Der Moloch frisst die Kinder der Gemeinschaft, verschlingt sie im hellen Feuer, als wäre der vertrocknete Weihnachtsbaum schon im Vollbrand. Und wennschon Qualitätssicherung: Wie genau will diese Uni mit ihrer naturwissenschaftlichen Fakultät feststellen, ob sie brauchbare Wissenschafter hervorbringt?

Man muss sich folgendes vorstellen. Die Studenten legen 20 Leistungskontrollen pro Jahr ab: Prüfungen, Semesterarbeiten, Vorträge. Ein paar Prüfungen kommen gut, bei anderen steckt man ein, was an Noten halt so daherkommt. Die meisten meiner jungen Studienkollegen freuen sich über gute Noten. Aber sie lassen es sich alles gefallen, so wie sie sich das ganze Studium gefallen lassen. Man lässt das alles über sich rinnen, bringt jede einzelne Lehreinheit, jede Prüfung hinter sich und vergisst das ganze. Mit dem nächsten Semester kommen neue Dozenten, neue Themen, wieder viel zuviel und viel zu allgemeingültiges Wissen. Nur weniges wird eingeübt, kaum etwas im tatsächlichen Lebensraum angeschaut und untersucht. Verhaltenskontrollen werden als „Leistungskontrollen“ reglementarisch kaschiert. In Wirklichkeit sind es ganz altmodische Fleiss- und Betragensnoten, wie man sie vor Jahrzehnten aus den Primarschulzeugnissen entfernt hat. Was das mit naturwissenschaftlichem Können zu tun hat, weiss ich nicht. Viel zu schnell wird auswendiggelernt und noch viel schneller vergessen.

Überrascht war ich nicht mehr, als mir kürzlich ein junger Studienkollege von sich aus erzählte, was ich aus meinen Beobachtungen schon vor 8 Monaten geschlossen hatte: Das Wissen, das er wirklich beherrscht, hat er in der Mittelschule gelernt. Das Grundstudium war im wesentlichen Zeitverschwendung. Schon zwei Semester später sind 80-85% des Lehrstoffes wieder vergessen, sogar bei Themen, die den Studenten brennend interessieren. Es ändert leider gar nichts an der Sache, wenn man meine Beobachtungen und Berichte als Polemik auslegt.

Was ist mit den Dozenten? Sie haben in diesem Semester ein oder maximal zwei Lehrveranstaltungen durchgeführt. Für einen jungen Dozenten ist eine einzige Qualitätsbewertung der Masstab seiner Arbeit. Er wird dieselbe Lehrveranstaltung nächstes Jahr wieder durchführen, sich ein weiteres mal fragen, warum sich die Studenten so wenig melden, so still und versumpft vor sich hinbrüten, wenig fragen und noch weniger sagen und sang- und klanglos verschwinden, wenn das Semester fertig ist. Was immer ernsthaft bemühte Dozenten sich ausdenken, was man besser machen könnte, es ist nicht klar, ob das neue Publikum, der neue Jahrgang ähnliche oder andere Kriterien mitbringt. Ein System, dermassen im Fluss, dermassen ohne Ecken und Kanten, dermassen abhängig von zufälligen Schwankungen, ohne von der Sache gegebenen Schranken, das ist unberechenbar. Woher soll also ein Dozent sich Gewissheit verschaffen, ob seine Arbeit nützlich ist?

Die Uni bläht eine weitere Bürokratie auf, nimmt verunsicherte Seelen unter ihren Schirm. Man verteilt „anonyme Fragebogen“, wobei in einer Lehrveranstaltung mit einer Handvoll von Teilnehmern die Antwortbogen rasch identifiziert sind. Da lässt man fünf Dutzend Fragen beantworten. Die Nuancen zwischen den Fragen sind kaum zu erkennen. Man fragt, ob der Student sich interessiert hat, ob er nachgekommen ist, ob man ihm genug Unterrichtsmaterial gegeben hat, ob der Dozent sich anständig benommen hat und wie lange der Student schon studiert.

Wenn ein professioneller Fragebogenautor in der Dienststelle für Qualitätssicherung vier oder fünf echte Fragen stellt und dazu 60 redundante Fragsätze mit Kreuzchen beantworten lässt, dann setzt er sich dem Verdacht aus, dass er nicht wirklich weiss was er wissen will.

Die Uni behilft sich solcher Fragebogen und will damit die „Qualität der Lehre“ „evaluieren“. Ich habe kürzlich mit einem Spezialisten mich unterhalten, einem Maschineningenieur, der genau das studiert hat: Qualitätskontrolle. Er arbeitet seit Jahrzehnten als Spezialist in einem Betrieb wo Menschenleben davon abhängen, ob die Qualität der Anlagen perfekt ist. Ich fragte also, wie kann die Qualität von Unterricht untersucht und bewertet werden?

Das Resultat der Diskussion war, dass ein Herstellungsprozess für sich gesehen keine Bedeutung hat. Man muss das Produkt beurteilen, schauen, ob das Produkt im voraus festgelegten objektiven Kriterien entspricht. Was genau ist das Produkt einer naturwissenschaftlichen Lehre? Die Vorlesungsfolien, die Unterrichtsmaterialien, das sind nicht „Produkte“ sondern Hilfsmittel. Das eigentliche Produkt ist der ausgebildete Naturwissenschafter. Nach welchen Kriterien kann man die Qualität der von der Uni hervorgebrachten Naturwissenschafter bewerten? Was überhaupt ist ein gut ausgebildeter Naturwissenschafter? Erst wenn diese Fragen beanwortet und die Naturwissenschafter unabhängig überprüft sind, kann man überhaupt zurückschliessen auf die Qualität der Lehre.

Die Qualitätssicherung der Uni ist reine Selbstbeschäftigung, eine nervernaufreibende Angelegenheit für die Betroffenen, weil sie darin einen Sinn sehen wollen, der nicht gegeben ist. Das System ist neurotisch.

Was soll der Leiter eines fortgeschrittenen Seminares für Studenten im fünften und siebten Semester damit anfangen, wenn die Studenten ankreuzen, er habe zuviel Wissen vorausgesetzt für seine Lehrveranstaltung? Soll er nächstes Jahr das Anspruchsniveau herunterschrauben, so die Studenten zufriedenstellen und hinterher als besser positionierter Dozent dastehen? Oder soll er bei seinen Kollegen reklamieren, einfordern, dass in der Grundausbildung das notwendige Wissen vermittelt wird, damit die werdenden Naturwissenschafter auch fähig sind, in Zusammenhängen zu denken und weiterführende Fragen durchzuarbeiten? Hätte er Erfolg damit, so wären die Studenten der nächsten Jahrgänge besser auf ein anspruchsvolles Seminar vorbereitet und könnten ihm dann attestieren, dass ein Anspruchsniveau genau passend ist.

Vermutlich wird der Dozent entscheiden, das Niveau nach unten zu regulieren. Dann entsteht eine Spirale ständige neuer Nivellierung nach unten, weil die anderen Dozenten wiederum noch weniger gut ausgebildete Studenten bekommen, die ein noch tieferes Niveau einfordern.

Ich habe damit erklärt, wie diese Form der „Evaluation“ zu einer übermässigen Simplifizierung der Fakten und Oberflächlichkeit im Umgang mit dem Gegenstand unseres wissenschaftlichen Interesses führt. Die weiteren Überlegungen zeigen, dass derartige Bewertungen auch den Konformismus unter den Dozenten fördern – vor allem bei den jungen Dozenten, die noch nicht so viel Erfahrung haben und noch nach persönlichen Kriterien suchen müssen.

Worauf ich hinaus will: Die Bewertung einzelner Lehrveranstaltungen ist bedeutungslos, wenn man die Unterrichtsqualität eines ganzen Fachbereiches beurteilen will. Die Bewertung gibt im besten Fall wieder, wie gut die Studenten mit dieser speziellen Lehrveranstaltung klarkamen. Ihre Kriterien richten sich ebenfalls nur selten danach, ob sie am Schluss des Studiums im grossen Ganzen ein zusammenhängendes, qualitativ hohes Wissensniveau erreicht, selbständig arbeiten, komplexe Zusammenhänge durchdenken, Fragen entwickeln können. Nur Ausnahmestudenten haben einen persönlichen Ausbildungsplan, wissen im voraus wohin die Reise geht.

Womit vergleichen eigentlich junge Studenten die Lehrveranstaltung, wenn sie bewerten? Sie vergleichen als erstes mit dem Wochenplan. War es möglich, zusammen mit 20 anderen Lehrveranstaltung diesen Stoff zu bewältigen? Sie vergleichen den Inhalt des Unterrichtes mit der Leistungskontrolle. War es möglich, die Prüfung mit minimalem Lernaufwand zu bestehen? Sie vergleichen mit dem allgemeinen Konsumismus: Waren die Unterrichtsmedien so aufbereitet, dass alles normal und selbstverständlich erscheint oder musste man sich anstrengen und die Dinge durchdenken, bis sie Sinn ergaben? Ist Naturwissenschaft immer normal und selbstverständlich? Brauchen wir in dieser medial überfütterten Welt übehaupt einen Transfer des Selbstverständlichen?

Auf diesem Weg führt die Auswertung von Fragebogen ebenfalls nicht zu mehr Gründlichkeit in der Ausbildung. Sie gibt einzig einen Anhaltspunkt, ob ein Dozent in der Norm ist, inhaltlich, formal nirgends über die Stränge schlägt.

Was ist das Produkt der Ausbildung? Wie erkennt man, ob ein Lehrbetrieb brauchbare, selbständige, mit ihrem Fachgebiet vertraute erfolgreiche junge Menschen in die Berufswelt entlässt? Warum und wie sollten die persönlich auf einzelne Dozenten zielenden studentischen Antwortbogen den Gang der Ausbildung als ganzen verbessern?

Darüber haben sich unsere universitären „Qualitätssicherer“ keine Gedanken gemacht. Meine intensive Beschäftigung mit den für die Qualisätssicherungsindustrie geschaffenen websites der Uni Bern lassen mich zweifeln, ob diese Leute überhaupt über Qualität nachdenken oder viel eher einen weiteren bürokratischen Moloch füttern, einfach dafür sorgen, dass ihr Laden am Laufen bleibt.

Somit wäre die Frage an meine Leser gestellt: Nach welchen Kriterien bemisst man das Produkt einer naturwissenschaftlichen Ausbildung? Was ist ein guter Naturwissenschafter?

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22 Gedanken zu „Weihnacht der Untoten.

  1. Pingback: Vollstrecker. | The Daily Ecologist

  2. @zoé

    Hatte viel Freude an Deinen Zuschriften. Alles gute und gute Gesundheit. Melde Dich wann immer Du willst!

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