Auf ewig jung.

Verblüfft war ich vor zwei Wochen in unserem Seminar über Global Change Ecology, wie genau meine Mitstudenten die Argumente abwägen.

Es ging um gefährdete Pflanzen- und Tierarten, deren Lebensräume sich so rasch verändern, dass sie auszusterben drohen. Dürfen und sollen Menschen in den Gang der Dinge eingreifen und für diese Populationen neue Siedlungsräume suchen? Ist es ökologisch sinnvoll, richtig, eine Schmetterlingsart am einen Ort einzufangen und mehrere 100km weit entfernt in einem passenden Wiesland wieder freizusetzen? Und welchen ökologischen Risiken setzen wir die neuen Lebensräume aus? Was sind die Kosten, der Nutzen und die Gefahren einer solchen „assisted migration“?

Ich hörte Zusammenfassungen aus unterschiedlichen Wissensgebieten, Ökologie, Artenschutz, physiologische Vorgänge bei der phänotypischen Anpassung, etwas knapp bei den populationsgenetischen Argumenten, dafür noch ein paar knallharte gentechnische Eingriffe, wie meine Kollegen das in den ersten beiden Studienjahren kennengelernt hatten und wie diese Kenntnisse eingesetzt werden müssen, um eine solche Frage zu beantworten. Einerseits gab es Vorschläge für Versuchsanordnungen, um Risiken und Erfolge abzuschätzen. Andererseits wurde ausdiskutiert, wie beschränkt der Erkenntnisgewinn solcher Versuche und Modellierungen ist. Jedem war inzwischen klar, dass sowohl statistische wie mathematisch-dynamische Modellierungen zur wissenschaftlichen Grundlage für rabiate Fehlentscheidungen werden können.

Die wichtigste Einsicht, wie sie fast jeder wieder neu ausformulierte, war: „Wir wissen noch viel zuwenig über die Systeme, über die Beziehungen innerhalb der Systeme und über die Wechselwirkungen mit den eingeführten Arten.“ Der Einwand kam fast in allen Beurteilungen zu möglichen Freisetzungsversuchen vor: Einerseits fehlt es an wissenschaftlichen Grundlagen, um das Zusammenwirken innerhalb bestehender Systeme richtig beschreiben zu können. Als Folge davon fehlen die Kriterien, die Tests, um die Folgen von Eingriffen abzuschätzen.

Dass meine jungen Studienkollegen so fein abgestuft die Risiken, die Einwände, die Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens zu diskutieren und
abzuwägen vermochten hat mich überrascht. Sie sind bereit, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen und damit etwas anzufangen. Die Frage ist, wie geht es weiter?

Wollen wir Studenten beharren auf der Stufe von „wir wissen noch zu wenig“? Oder wollen wir uns weiterentwickeln? Wie können wir unser Wissen erweitern in einer Zeit, wo unsere Wissenschaft als ganze ziemlich bedürftig ist?

Von mir aus gesehen wäre das nächste, dass man sich das zur Zeit mögliche Wissen aneignet. Das heisst hart arbeiten, üben und dranbleiben, genaue Fragen stellen und die Lücken im Wissen immer von neuem aufspüren und zu schliessen suchen. Später im Beruf wird man im Wissen um die eigenen Grenzen sich Kompetenz zumuten und dann hinstehen, sein bestes tun, die best denkbaren Entscheide fällen und einen breiten Rücken haben, wenn man danebenlangt, Fehler macht.

Wer jetzt stehen bleibt, beharrt auf „wir wissen noch zuwenig“. Der kann damit unschuldig bleiben, macht sich die Finger nicht schmutzig mit Fehlentscheidungen, weil er keine Entscheidungen zu treffen bekommt.

Bewahren wir wirklich unsere Unschuld wenn wir auf Unwissen beharren? Oder ist es nur ein untauglicher Versuch, für immer jung zu bleiben?

Forever young – ein schlechter Weg zu altern.

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