Wenn die Dummheit dieser Welt…

… beim Velofahren helfen täte, dann müssten wir den Gotthard hinauf bremsen.

Ein weiteres mal darf ich mich darüber aufregen, dass wir zuwenig Ärzte in der Schweiz haben. Wir wissen es längst. An Menschen, die sich diesem Beruf widmen möchten, fehlt es hingegen nicht. Aus den letzten Jahren kenne ich dutzende von Geschichten von begabten Jungen, die vergeblich sich für das Medizinstudium beworben hatten. Und dennoch wird der unselige Numerus clausus nicht abgeschafft.

Der neueste Versuch, das Problem zu lösen ohne es wirklich lösen zu müssen, geht nun dahin, dass Arztgehilfinnen als Schmalspurärtzinnen die Arbeit von Ärzten übernehmen. Pardon, wir reformieren schliesslich in regelmässigen Abständen unser Bildungswesen und giessen den alten Wein in neue Schläuche. Die aktuelle Mode schreibt vor, solche Berufsfrauen als „Medizinische Praxiassistentinnen“ zu bezeichnen, „Arztgehilfin“ ist out. Aber vielleicht dürfen wir in Zukunft „Hilfsärztin“ sagen.

Die Frage, ob der Numerus clausus die Spreu vom Weizen trenne, hat man vor Jahren angelegentlich und auch in der Tagespresse diskutiert. Sie ist längst mit Nein beantwortet und erledigt. Warum also gibt es den Numerus clausus noch? Vermutlich aus dem einzigen Grund, weil die Bundespolitiker sich um eine echtes Problem kümmern und die Sache abschaffen müssten. Neue Vorschriften zu erlassen ist geiler, als alte zu entfernen.

Nur als kurzer Abriss aus meiner Erinnerung. Der Grund für die Einführung des Numerus clausus für Medizinstudenten war ein Schwemme von überflüssigen Ärzten, die nirgends eine Stelle fanden. Kollegen mussten monatelang suchen für ihre Stellen als Assistenzärzte an den Spitälern. Mindestens ein halbes Jahr vor dem Staatsexamen musste man anfangen damit. Wer nicht über reichlich Vitamin B verfügte konnte die 2 Jahre Assistenz unmöglich am Stück absolvieren. Der Normalzustand für dreiviertel der Ärzte war, nach dem Staatsexamen ein halbes Jahr arbeitslos zu sein, dann eine dreimonatige Stelle zu bekommen, danach vier oder fünf Monate eine neue Stelle suchen, wieder drei oder sechs Monate assistieren und wieder von neuem suchen. Ärzte beim Stempeln? Wer hat davon gehört?

1996 war die Situation schon etwas besser: Eine Freundin von mir bekam direkt nach dem Staatsexamen einen Assistenz auf der Chirurgie in Zweisimmen und im Anschluss sogar noch eine in innerer Medizin im selben Spital. Das war zwar mit Glück und ein wenig Stress. Aber jeder dritte konnte seine Assistenzjahre schon ohne Lücken absolvieren.

Manchmal werden unsere Parlamentarier überrumpelt von raschen Entwicklungen und mit einem Milizparlament und dem direkten Volkswillen ist es nicht immer einfach, rasch zu reagieren. War diese Entwicklung wirklich nicht abzusehen?
Was hat sich in diesen Jahren geändert, ausser dass der Numerus clausus schon längst etabliert ist? Meine Schulkollegen aus den 80er Jahren mussten als Assistenten 80 oder 90 Stunden pro Woche krüppeln. Die bequemeren besorgten sich die Stellen in den Rehakliniken, wo das Pensum „nur“ 70 Stunden betrug. Anfang 90er Jahre kamen die Ärztestreiks, die Assistenten erzwangen ein gesetzliches Maximum von 55 Wochenstunden und im Verlauf von 10 Jahren konnten sie auch erreichen, dass die Arbeitgeber sich meistens daran halten. Gleichviele Ärzte verrichten also noch 66% soviel Arbeit.

Die Lücken mussten seit Anfang 00er Jahre zunehmend mit deutschen Assistenten gefüllt werden. Am Berner Inselspital war schon vor 8 Jahren jeder zweite Assistent ein Deutscher. Das Spital hätte ohne die Deutschen den Schirm zugemacht. Warum hat man nicht Alarm geschlagen und damals schon den Numerus clausus abgeschafft? Die deutschen campierten in der Insel, nächtigten auf dem Notbett in der Abstellkammer, fuhren alle 14 Tage über die Grenze in den Aldi und verköstigten sich mit Hamme und Schwarzbrot aus dem Plasticsack. Sie schufteten wieder die gewohnten 80 oder 90 Stunden. Das Berner Universitätsspital konnte auf die arbeitsrechtlichen Abmachungen mit den Ärztegewerkschaften pfeifen!

Neue Lücken rissen die Frauen unter den bei uns ausgebildeten Ärzten. Von ca. 20% stieg der Anteil der Frauen in den vergangenen 30 Jahren auf knapp über 50%. Aber diese Frauen wollen nicht Vollzeit schaffen sondern begnügen sich lieber mit Halbzeitstellen, oder zweidrittel Stellen. Die Frauen arbeiten demnach um die 50% des vor 10 Jahren schon von 80 auf 55 Stunden reduzierten Pensums. Bei den Männern finden wir mehrheitlich noch Vollzeitpensen, die ganzen 55 Stunden also.

Unter dem Strich, alles durchgerechnet, bildet die Schweiz gleichviele Ärzte aus wie vor 30 Jahren. Diese schweizerischen Ärzte allerdings arbeiten grad noch halb soviele Stunden wie damals. So wäre es einfach abzuschätzen, dass es zuwenig Ärzte hat.

Sind unsere Politiker zu blöde, um einfache Dreisatzrechnungen zu beherrschen? Wenn wir einer Doris Leuthard und ihrem Gefasel vom Atomausstieg zuhören und schauen, wer alles ihr applaudiert, dann müssten wir zu diesem Schluss kommen.

Bei schweizerischen Politikern wissen wir allerdings nie so recht, ob sie dumm sind oder ob sie sich nur dumm stellen. Dass Politiker per Definition gute Lügner sein müssen, das wissen wir. Deswegen gehe ich eher von dem zweiten aus: Der Numerus clausus im Medizinstudium ist veraltet und gehört abgeschafft. Die zuständigen eidgenössischen Räte wissen das längst ganz genau, aber mit guten Lügen vermeiden sie das Problem.

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2 Gedanken zu „Wenn die Dummheit dieser Welt…

  1. wer sich derart ereifert sollte mindestens die fakten korrekt interpretieren…..

    zuständig für die anzahl studienplätze sind die kantone als betreiber der universitäten. diese entscheiden wieviel geld (und damit zum beispiel ausbildungsplätze im chemielabor oder im anatomiesaal) für die ausbildung der ärzte zur verfügung steht, und damit über die zahl der studienplätze. dass diese anzahl zu gering ist, leuchtet aber ein.

    wie die zur verfügung stehenden plätze nun verteilt werden, ist eine andere frage. dies ist aktuell der numerus clausus (also ein intelligenztest, der sich nicht mit fleiss oder maturanoten beinflussen lässt). wer dort gut ist, besteht auch die zwischenprüfungen gut, wer dort nur knapp ist, hat auch nur minimale chancen, die zwischenprüfungen zu bestehen. dies ist doch eine gute art, die plätze zuzuteilen. also bitte diesen numerus clausus nicht abschaffen!

    dass die ärzte heute in diesen 50-60 stunden ein mehrfaches an patienten durchschleusen wie damals vor 30 jahren ist der relevante punkt. die reine präsenzzeit sagt nichts über die produktivität aus. und auch diese anzahl patienten könnte man gut reduzieren, wenn die leute nicht wegen jedem boboli in den spital rennen würden….

  2. Also wenn wir schon dabei sind mit dem Besserwissen: Es sind nicht die Kantone sondern die Universitäten, die die Anzahl Studienplätze im Medizinstudium bestimmen. Der Numerus clausus wird von den Rektoren jedes Jahr neu beschlossen. Selbstverständlich kann man die verfügbaren Geldbeträge mehr so oder mehr anders einsetzen. Das liegt in der Autonomie der Universität, zumindest hier in Bern.

    Dass der Numerus clausus ein ausschliesslicher Intelligenztest sei, ist Chabis. Etliche Kandidaten hier Bern machen nach dem Durchfallen im Numerus clauses in der Biologie ein Jahr Warteschlaufe. Danach treten sie ein zweites mal an und kaum einer schafft den Numerus clausus nicht im zweiten Durchgang.

    Dass das Biologiestudium an der Uni Bern innerhalb eines Jahres zu einem raschen Intelligenzzuwachs führe, das behauptet niemand im Ernst.
    Demnach müssten andere Faktoren das Bestehen im Numerus clausus zusätzlich determinieren.

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