Papa, warum fallen die Sterne nicht vom Himmel?

So geht die Frage unseres fünfjährigen Hansli. Dem Alter entsprechend soll sich dieser Vater aus der Affäre ziehen und dem Buben eine gute Erklärung liefern.

Viel zu einfach machen es sich viele Dozenten an der Uni Bern, wenn sie die Wirkung der Klimagase beim Treibhauseffekt beschreiben.

Demselben Hansli kann man den Treibhauseffekt unserer Atmosphäre ungefähr so erklären: Die Luft ist wie ein Glocke, die sich über unsere Erde spannt. Du kannst sie nicht sehen oder riechen, weil sie durchsichtig ist und weil wir den Geruch gewohnt sind. Aber sie ist nicht durchsichtig für die Wärmestrahlung. (Autsch, noch etwas neues zum Erklären!)

Nur wenig komplizierter ist das Bild meiner geschätzten Studienkollegen in der Biologie: Die Klimagase Kohlendioxid, Methan, Lachgas, Ozon absorbieren Infrarotstrahlung und erwärmen sich. So bleibt die von der Erdoberfläche abgestrahlte, bzw. reflektierte Energie in der Atmosphäre als Wärme zurück. Je mehr Klimagas, desto dicker die Glocke.

An diesem Punkt nun wird die ganze Schwäche des Bolognastudiums sichtbar: Jede einzelne Lehrveranstaltung wird mit einer Leistungskontrolle geahndet. Da dürfen die Dozenten nicht allzusehr in das Detail gehen, nicht zu komplizierte Vorstellungen vermitteln. Sie müssen altersgerecht (pardon stufengerecht) den Studenten die Dinge so erklären, dass sie das Schema durchschauen und für die Prüfung wiedergeben können. Also muss der Dozent so tun, als wäre alles einfach und übersichtlich.

So kommt es, dass diese Uni ihre erwachsenen Studenten behandelt wie Fünfjährige, lauter lustige Hansli und Gretli kommen dabei heraus. Sie meinen am Schluss, die Welt zu kennen. (Und für betupfte Dozenten: Alfred Korzybski befand, „the map is not the territory“. Eine Verallgemeinerung über die Uni ist noch lange keine Schlussfolgerung auf einzelne Dozenten).

Ungefähr diesem Niveau entsrpechend ist der Eintrag in der deutschsprachigen wikipedia über Treibhausgase:

Da finden wir das Schülerniveau, schöne Schemen, alles geht gut auf. Solcher wunderschön farbig illustrierter Wissenskatalog mag genügen für das Gymnasium, für Leute, die Gewissheit haben sollen, dass diese Welt funktioniert und eine Ordnung hat.

Denen, die sich wirklich in die Sache vertiefen wollen empfehle ich deswegen die englischsprachige wikipedia. Diese breitet die Sachfragen zu den greenhouse gases aus, so wie sie sich aus der Wissenschaft ergeben.

Doch haben wir nicht noch etwas vergessen? Richtig, da gibt es ja noch den Wasserdampf. Und Wasserdampf kommt nicht nur als Gas vor in der Atmosphäre, sondern kondensiert zu Wolken. Wir reden jetzt über Ding wie Wetter, Luftströmungen in der Atmosphäre, Sachen, die sich rasch und von Minute zu Minute ändern, einer Dynamik, die in mechanistischen auf Jahrzehnte und Jahrhunderte gerechnete Klimamodellen schwer zu fassen sind.

Zur Rolle des Wasserdampes, eben aus demselben Eintrag in der wikipedia:

Water vapor accounts for the largest percentage of the greenhouse effect, between 36% and 66% for clear sky conditions and between 66% and 85% when including clouds. […]

The average residence time of a water molecule in the atmosphere is only about nine days, […] Thus, water vapor responds to and amplifies effects of the other greenhouse gases. […] Because water vapor is a greenhouse gas, this results in further warming and so is a „positive feedback“ that amplifies the original warming.

Hier haben wir die Denk- und Diskussionsaufgabe für die smarten und beweglichen Studenten: Wie stellt Ihr Euch die positive Rückkoppelung zwischen CO2, Methan und Wasserdampf vor? Merkt Ihr wie komplex die Dinge auf einmal werden?

Ist Euch klar, dass kein ernsthafter Klimaphysiker von einer einfachen Glocke ausgeht, wenn er die Modelle zu den Auswirkungen des CO2 in der Atmosphäre durchzurechnen anpackt? Dort sind die Erwachsenen am Computer und rechnen, was das Zeug hält. Warum also behandelt man Euch wie Kleinkinder? Warum lasst Ihr Euch diese Behandlung gefallen?

Sich in die Dinge hineindenken, die Grenzen des eigenen Verständnisses erkunden, erweitern und akzeptieren, wenn es nicht weitergeht – dazu sind der Mut und die Lebenserfahrung eines Erwachsenen notwendig. Fragen strukturieren, aufheben, an der richtigen Adresse deponieren, das sind die Aufgaben, denen sich ein Naturwissenschafter stellen soll.

Im Bolognastudium hat solche Ungewissheit keinen Platz. Um Euch wenigstens einen Einblick zu geben, worum es wirklich geht, müsstet Ihr einen Klimaphysiker einladen, ihn bitten zu berichten, wie es wirklich in der Forschung läuft, die Kindermärchen zuhause zu lassen, ihn zwei Stunden lang reden lassen, mit Fragen löchern, und den Zustand aushalten, wenn man fast nichts versteht. Aber Ihr würdet ein Augenmass bekommen dafür wie komplex die Dinge sind, wie rasch, beweglich und im Fluss die Dynamik dieser Atmospähre ist. Ihr würde grosse Augen machen und auf einmal begreifen, dass in der Forschung das meiste und das grundlegende noch längst nicht klar ist.

Grosse Augen bekommen und Augenmass halten, dafür hat die Bologna-Vereinbarung keine Leistungskontrollen vorgesehen! Darum.

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Ein Gedanke zu „Papa, warum fallen die Sterne nicht vom Himmel?

  1. Das waren noch Zeiten. Als ich diesen Blogeintrag schrieb, da dachte ich, es ginge um die Diskussion über den Sinn und die Auswirkungen des Bolognasystems.

    Inzwischen schreibe ich mehr über die chaotischen Umstände im Departement für Biologie an der Uni Bern. Aus den Diskussionen zu diesem Blog schliesse ich, dass andere Unis und andere Fachbereiche zumindest nicht diese Art von Problemen mit der Bolognareform haben.

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