Konsens, wissenschaftlicher.

Das IPCC-Panel habe gesagt, die Wahrheit sei längst bekannt… Es ist ein Totschlagargument – bequem genug, um das Gehirn nachher schlafen zu lassen. Vermutlich ist es das was mich so ärgert an der Angelegenheit, die Denkfaulheit von Wissenschaftern. Mich ärgern Fassadenmaler, die Fensterscheiben nicht abdecken, Mechaniker, die Schrauben locker lassen. Und mich ärgern Wissenschafter, die lieber nicht denken möchten.

Wann immer ich die aktuell in unserem Institut vorherrschenden Missverständnisse, das Halbwissen, die repetitiven Geschichten zum Klimawandel herausstreiche, bekomme ich von etlichen Klimawissenschaftern das Argument aller Argumente zu hören: Die Frage sei längst erledigt. Das IPCC Panel habe einen wissenschaftlichen Konsens herbeigeführt und veröffentlicht. Die Pflanzenökologen sind ziemlich vorsichtiger.

So argumentiert eine gar komische Art von Wissenschaftlern: Ein Konsens ist ein politischer Akt, keine wissenschaftliche Erkenntnis.
Meine Gesprächspartner allerdings haben den Hörer schon aufgehängt. Unter Politik könnte man Dinge verstehen wie „Parteipolitik“, „Regierungspolitik“. Aber es gibt auch „Vereinspolitik“ und eben wissenschaftliche Politik. Wissenschafter kommen zusammen. Aus unterschiedlichen Fachrichtungen stammen sie bei der Klimaforschung, tauschen ihren Stand des Wissens aus und suchen eine Übereinstimmung der Einschätzung zu einer Frage. Die Frage hier war, ob in den letzten 140 Jahren eine weltweite Erwärmung stattfand, rascher und ausserhalb der Grenzen der letzten 1000 Jahre und ob menschliche Einflüsse das bewirken.

Und ich beharre: Die Suche nach einem Konses ist ein politischer Vorgang. Die Suche nach dem Konsens mündet nicht in einer wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern in einer Übereinstimmung der Meinungen. Es gibt keine wissenschaftliche Methode zum Herbeiführen eines Kosenses, sondern nur den politischen Akt der Verständigung.

Pardon, abgesehen den kleingeistigen Bernern und der dazugekommen Klimastudenten von auswärts, gibt es noch ein paar Leute auf diesem Planeten, die etwas weiter denken. Mein Einwurf scheint nicht totgeschlagen, wenn wir in der wikipedia weiterlesen über wissenschaftlichen Konsens:

Scientific consensus is the collective judgment, position, and opinion of the community of scientists in a particular field of study. […] Scientific consensus is not by itself a scientific argument, and it is not part of the scientific method.

Rechthaben ist nicht dasselbe wie recht bekommen. Schön ist es dennoch, wenn andere zu denselben Schlussfolgerungen finden, wie ich selber.

Der verlinkte wikipedia Eintrag nennt eine Reihe von Grundeinsichten aus der Biologie, über die heute Konsens herrscht. Ich erinnere die Zeit, als man nur hinter vorgehaltener Hand über die Endosymbiontentheorie von Lynn Margulis reden durfte. Aber die Vorstellung hat etwas faszinierendes und ich war überrascht, dass sie heute als Standardwissen schon in den ersten Semestern unterrichtet wird.

Ich bin nur halb einverstanden, mit der Äusserung in der wikipedia, dass „The theory of evolution through natural selection is an accepted part of the science of biology, to the extent that few observations in biology can be understood without reference to natural selection and common descent.“ Ich kenne den aktuellen Stand der Evolutionsforschung nicht, so wie die allermeisten Biologen auch nicht. Mein Eindruck ist eher nicht, dass wir es mit einer falsifizierbaren Theorie zu tun haben. Dennoch wird sämtliche biologische Forschung von dieser Vorstellung der Evolution und einer gemeinsamen Abstammung von einem Urorganismus zusammengehalten. Die Kommunikation zwischen Biologen der unterschiedlichsten Fachrichtungen würde zusammenbrechen, wenn wir diese Vorstellung aufgeben täten. In dem Sinn war das Darwin und Wallace Paper von 1858 paradigmatisch.

Naturwissenschaftern würde eine Ausbildung in Philosophie und Wissenschaftsgeschichte gut tun. Sie könnten die Grenzen des eigenen Wissens besser einschätzen und hätten mehr Respekt davor, wie sich die Dinge ändern auch wenn wir sie nicht verändern. Die Kurzfassung daraus: Es gibt keinen aktuellen Stand des Wissens sondern immer nur den aktuellen Stand des Irrtums in der Wissenschaft. Wissen tun die Politiker. Wissenschafter irren sich bis zum nächsten mal.

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