Doktoranden als Deputies.

Am botanischen Institut der Uni Bern habe ich das mehrmals erlebt. Professoren sind des Unterrichtens müde. Leistungskontrollen sehen sie als Vorwand, um so rasch wie möglich und mit so wenig Aufwand wie möglich die Studenten mit ECTSli zu versorgen. So kommt es dann, dass regelmässig Personal ohne die notwendige Lehrberechtigung Unterricht und Leistungskontrollen zugewiesen bekommt. Die Extremfälle, wie ich sie zu sehen bekam, waren einmal eine Doktorandin, die Leistungen von Bachelor- und Masterstudenten bewertete, ein ander mal ein Seminar von Masterstudenten, das von einem Doktoranden geleitet wurde.

Man könnte meinen, wir seien nicht in Berne, Switzerland sondern in Tombstone, Arizona und die Professoren schicken ihre Doktoranden auf die Jagd nach unentwegten Studenten, die sich immer noch an dieses Institut verirren. Fehlt nur noch der OK Corral wo ein gerichtsnotorischer Betrüger, Pferdedieb, Puffbesitzer, Gambler, Ehebrecher mit seiner Kumpane zusammen hartarbeitende Viehhüter zu Tode schoss und danach zu Weltruhm gelangte.

Mein eigenes Erlebnis mit einem Hilfssheriff in Tennessee gab mir den Eindruck von der harten Arbeit richtiger Männer in unserer modernen Zeit.

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Ehrliche Arbeit.

NZZ-Campus stellt Janine Kopp vor. Sie ist promovierte Historikerin und arbeitet jetzt als Bademeisterin. Scheint’s muss sich die 30-jährige regelmässig dafür rechtfertigen, dass sie “nur” als Badmeisterin arbeitet und “nichts rechtes macht”. In dem Artikel wird ausführlich beschrieben, in wievielen verschiedenen Berufsrichtungen sich die Bademeisterin bewähren muss und wieviel Verantwortung sie damit übernimmt. Das unternehmerische Risiko wird im übrigen von NZZ-Campus ausgeblendet. Das passt zu der neuen Ausrichtung des Blogs, der sich als Wohlfühl-Website für geschundene Akademiker herausputzen möchte. Da haben Finanzen, Existenzängste, die Forderung nach langfristiger Planung — all dieses böse kapitalistische Zeugs — keinen Platz.

Aus meiner Sicht ist ganz klar, Bademeister ist ein ehrlicher und produktiver Beruf. Ihre Arbeit ist eine richtige Arbeit.

Die andere Wahrheit ist natürlich auch nicht ohne:

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Die Bolognareform ist nicht die Wurzel unserer Bresten.

Die Redaktorin von NZZ Campus hat mit Ihrer These vollkommen recht, es ist nicht die Bolognareform, die uns kaputtmacht. Die Wurzel allen Übels in der Schweiz ist in Wahrheit die Bürokratisierung sämtlicher Lebensbereiche, die Art wie eine exponentiell wachsende classe bureaucratique sich ausbreitet, alles und jeden in Bedrängnis bringt, der in diesesm Land produktive Arbeit leistet. Aspekte davon habe ich mehrmals in meinen Blogs angeschnitten.

Übergangen von den Journalisten, ist längst ein postmarxistischer Klassenkampf ausgebrochen in diesem Land. Dieser zeigt sich in dem unberechenbaren Verhalten der Stimmbürger, die der classe politique eine Ohrfeige nach der anderen verpasst. Sie sind die unentwegten, die längst gemerkt haben, dass die SVP sich für die Interessen der produktiven werktätigen Bevölkerung einsetzt und die SP die Privilegien der Ausbeuterklasse der Bürokraten verteidigt.

Die Tochter allen Übels ist der heutzutags übliche Thesenjournalismus. In den Redaktionen hockt die Sorte von Anpassern, die der classe bureaucratique zudienen, indem sie über die Welt berichten, wie sie sein sollte und nicht über die Welt wie sie ist. Sie sorgen für die stromlinienförmige Gleichförmigkeit des öffentlichen Diskurses.

Ich beschreibe im folgenden die sieben Grundübel schlecht gemachten Journalismus’ und nutze dazu den verlinkten Thesenbericht von Simona Pfister.

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Unterschiede.

Jetzt ist ein Jahr her, dass ich von der Pilzexkursion der ETH aus Valbella zurückgekehrt bin. Mindestens einen Blogeintrag von damals bin ich schuldig geblieben. Die Studentinnen der Forstwissenschaften und der Umweltnaturwissenschaften hatten mich gefragt, was die Unterschiede im Studienbetrieb seien zwischen dem ETH-Studium und demjenigen der Biologie an der Uni Bern.

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Die kleine Freude im Biologenalltag.

Ich kann es nicht lassen. Aber Schadenfreude ist immer noch die beste Freude. Die Lästernachbarin, diejenige, die sich über mich als “Chaos-Gärtner” lustig machte, die hat nie Unkraut in ihrem Salatbeet. Jäten gesehen habe ich sie auch nie, dafür schön präzise mit einem kleinen reservierten Giesskännlein hantieren. He nu, im selben Salatbeet steht auch ihr Johannisbeerstrauch. Der ist sauber entlaubt, hat wohl zuviel round-up erwischt.

Derweil bin ich schon bei der Brombeerernte und wöchentlich gibt es eine neue Portion Austernseitlinge.

Rechts Austernseitlinge auf Sägemehl, links Brombeeren, im Hintergrund Gladiolen vor dem Aufblühen, im Vordergrund Rotklee als Gründüngung.

Rechts Austernseitlinge auf Sägemehl, links Brombeeren, im Hintergrund Gladiolen vor dem Aufblühen, im Vordergrund Rotklee als Gründüngung.

Ökomigranten.

In meinem gestrigen Blogeintrag habe ich von meinem Grundstück aus auf die enorme Gewalt gezähmter Wassermassen geschaut. Entfesselt waren sie im Schangnau. Berichte und Bilder dazu habe ich am gleichen Ort gesehen wie meine Leser auch. Als Gaffer mag ich mich nicht im Katastrophengebiet unnützlich machen. In meiner Kindheit hatten wir in Steffisburg ähnliche Überschwemmungen, so dass ich aus einer realistischen Vorstellung heraus berichte.

Eindrücklich sind die Berge von Steinen, die riesigen Haufen von Bäumen. Diese füllen die Gerinne und verstopfen die Durchläufe, so dass das Wasser innert Minuten ausbricht. Daneben lesen wir ab und zu von Hangrutschungen, davon, wie sie Strassen versperren. Hangrutschungen kommen weniger mit dem Gewitterextrem sondern überhaupt mit der Dauer des Regenwetters.

Können Ökologen etwas zur Vorbeugung und zum Schutz beitragen? Ich meine jetzt richtige Ökologen, solche, die im Feld Beobachtungen anstellen können, solche die etwas verstehen von Ökosystemen, die das notwendige vielfältige Wissen zu allen Teilgebieten haben, Artenkenntnis, Vegetationsdynamik, Sukzession, Bodenkunde? Das schliesst dann leider die heutigen Studienabgänger aus, die an der Uni Bern mit einem Master abschliessen, die Häfelibotaniker und all diejenigen, die am Schluss nicht viel mehr können ausser schöne Berichtli schreiben und eindrückliche Vorträglein halten.

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Sind Naturwissenschaften kompetitiv?

Um die Frage genauer zu fassen: Entstehen Forschritte in der Biologie in der Kooperation oder aber dank dem Wettbewerb zwischen Wissenschaftlern? In der von den Universitätsrektoren und vom Bundesrat öffentlich gemachten Stellungnahmen wird immer von neuem behauptet, in einem “international kompetitiven Umfeld” müssten unsere Hochschulen “Exzellenz” beweisen. Wenn ein Jüngling irgendwo in Europa eine befristete Professur ergattert, nachdem er mit einem fünfminütigen Vorträglein ein Auswahlgremium von Bildungsbürokraten beeindruckte, dann wird er gerühmt, wie er sich im kompetitiven Umfeld durchgesetzt habe.

Um die Antwort auf die Frage vorwegzunehmen: Die grossen Fortschritte aus den letzten anderhalb Jahrhunderten entstanden nie, nicht ein einziges mal, im Wettbewerb und fast immer in der Kooperation. Die Rede vom Wettbewerb in der Forschung ist im besten Fall die Lebenslüge des einzelnen Forschers. Im schlimmsten Fall ist es brandgefährlicher politischer Agitprop der classe bureaucratique, die ihre erbärmlich nichtsnutzige, Steuergelder verschlingende berufliche Existenz damit rechtfertigt, dass sie über diesen eingebildeten Wettbewerb wacht.

Ich bringe Beispiele aus unserer Geschichte der Evolutionsforschung:

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Die Biologen will keiner.

Nach der Akademikerbefragung des Bundesamtes für Statistik: Naturwissenschaftler sind fünf Jahre nach Masterabschluss so gut wie nie arbeitslos. Laut Bernerzeitung von heute sind die Biologen die Ausnahme. Sie leben in prekären Verhältnissen.

Mit der Statistik gibt es ein wesentliches Problem: Zell- und Molekularbiologen sollten nicht mit einem Masterabschluss auf Stellensuche gehen, sondern vorher doktorieren. Solange eine solche Statistik diese Kategorien nicht erfasst, wissen wir nicht wirklich, wie es steht. Das zweite Problem mit der Statistik ist, dass sie nicht unterscheidet zwischen Ökologen und Laborbiologen.

Und dann noch folgendes Zitat aus dem verlinkten Zeitungsartikel. Das muss man jetzt im Ernst lesen. Man bekommt nebenbei eine Vorstellung, was gestern in meinem Blog mit “spin doctors” gemeint war.

Auch zweifelt [Alt-SP-Nationalrat Rudolf] Strahm an der Aussagekraft der Erwerbslosenstatistik, die gemäss den Richtlinien der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) erhoben wird. Laut ILO gilt bereits als erwerbstätig, wer eine Stunde pro Woche arbeitet.

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Für die lieben Kollegen, …

… die mich lieber unverbindlich googlen anstatt sich persönlich mit mir zu treffen und neugierige Fragen zu stellen.
Ich wurde übers Wochenende wieder einmal fleissig gegooglet und je nachdem wie man die Suchworte eingibt, kommt man ziemlich geradlinig zu den wirtschaftlichen Auskunftsdiensten, die sich im Salto überschlagen, wenn sie Fragmente meiner wirtschaftlichen Existenz dem dummen Publikum andrehen. Es stimmt zwar, ich habe eine Firma im Handelsregister eingetragen und wie es sich gehört, muss diese auch einen Geschäftszweck haben. Das heisst leider noch lange nicht, dass diese Firma aktiv ist und ich mit solchen Geschäften Geld verdiene.

Wer also dem Enigma auf die Spur kommen will, der soll doch das Kontaktformular ausfüllen und seine Fragen stellen.

Von wegen peer review.

Was machen Gutachter der wissenschaftlichen Fachzeitschriften eigentlich?

Vorletzte Woche war ein Forschungsgruppenleiter von der Novartis Gastdozent in unserer Epigenetikvorlesung. Verblüfft war ich darob, dass in den sehr gut ausgestatteten Labors der Novartis nur ca. 15% der universitären Forschung aus den peer reviewed journals reproduziert werden kann. Diese Zahl deckt sich auffällig mit der Bemerkung einer befreundeten Doktorandin in Vegetationsökologie. Sie untersucht die Regeneration von Trockenrasenvegetation, nachdem die intensive Beweidung aufgegeben wurde. Auch sie stellte fest, dass ca. 80% der publizierten vegetationsökologischen Literatur unbrauchbar in Bezug auf die untersuchte Fragestellung ist. Bei einem grossen Teil der publizierten Forschung fehlt es an der Validität – die journals liefern Schrott, um es klar zu sagen.

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Mangel an allem.

Pflanzen- und Vegetationsökologen in Bern lernen schlicht nichts über Böden. Boden ist, wo das Wasser herkommt und wo es Nährstoffe hat und ja, dort drin wachsen die Wurzeln. Mehr ist nicht da – nichts von all dem lustigen anderen: Verwitterung der Grundgesteine, Textur mit unterschiedlichen Teilchengrössen, Adsorption von Nährstoffen an Tonmineralen, Wasserverfügbarkeit und Gasaustausch, Porengrössen, Auswaschung. Bodenhorizonte? Noch nie gehört.

Studenten mit solchen Wissenslücken wollen dann über Konkurrenz zwischen Pflanzenarten Bescheid wissen. Sie legen Experimente an und verzählen den Geldgebern, damit könne man etwas über die Ansiedlung unerwünschter Exoten erfahren.

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Forscher als Spielzeug.

Über die Motivation der Politiker kann ich nur spekulieren: Ein halbes Dutzend Berner Grossräte verlangen die “Bestrafung” der Zürcher Wildbiologen — emel drei davon von der SVP aus dem Oberland und auch ein paar von der SP. Das Naturschutzinspektorat hat auch schon reagiert und den Zürchern telefoniert, die Forschungsarbeit sei einzustellen. Es geht um den Unfall bei einer wildbiologischen Doktorarbeit, wo 18 Rehkitze getötet werden mussten, nachdem ihre Funkhalsbänder sich nicht dem wachsenden Tier anpassten. Ich habe dazu kommentiert in meinem früheren Blogeintrag “Drehsessel-Ökologen”.

Gesundes Augenmass und vernunftgesteuertes Handeln sind nicht allzu gefragt, wenn man es mit den Jöhhh-härzig-Naturschützern zu tun bekommt. Die betreffenden Grossräte plustern sich auf, lenken von der eigenen Unfähigkeit ab. Wenn man die wirtschaftliche Misere in diesem Staat und Kanton Bern sieht, dann wird einem ob solch dümmlich wissenschaftsfeindlicher Gesinnung speiübel.

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Oh yes, we can!

Kurzerhand habe ich den ganzen Mykolgiekurs der Uni Bern mitsamt der leitenden Privatdozentin bei mir einquartiert. So kann das Feldpraktikum ungestört durchgeführt werden. Hier sind wir nun, sitzen am Tisch beim Pilzrisotto. Mit leuchtenden Augen und glänzenden Wangen fragt die eine der Studentinnen, eine nach der anderen ihrer Kolleginnen in der Runde “Was ist es, was Dich beim Studium im Herzen bewegt?”

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Schmalspurökologie.

Eine unserer Doktorandinnen hat herausgefunden, dass mehr Samen aufkeimen, wenn man die Bodenoberfläche aufkratzt, sie ist jetzt nicht Doktor der Biologie sondern PhD. Im Ernst, das ist die ganze Schlussfolgerung. Mehr hat sie in dem dreijährigen Nationalfonds-Projekt nicht herausgefunden.

Vom Wissenschaftsbetrieb her ist folgendes das Problem. Die Frau sollte überprüfen, ob die “novel weapons” Hypothese zutrifft oder nicht. Es geht um die Mutmassung, dass invasive exotische Pflanzenarten – eingeschleppt in fremde Kontinente – die dortigen Ökosysteme überrennen, weil sie mit “neuartigen Waffen” die angestammte Konkurrenz ausschalten. Ganz an den Haaren herbeigezogen ist die Idee nicht. Nur macht das dürftige Konzept keine Aussage darüber, welche Arten von biologischen Interaktionen einer veränderten Dynamik unterworfen sein könnten.

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à plus ou moins

Einer meiner erfahrenen Studienkollegen gab die Pflanzenökologie auf und wechselte in ein molekularbiologisches Fach. Dort doktoriert er jetzt. Vor dem Wechsel liess sich ein Assistent aus der Pflanzenökologie auf ein ausführliches Gespräch ein, erklärte mit Elan die spannenden zukünftigen Fragen in seinem eigenen Forschungsgebiet. Letztlich gab die folgende Überlegung bei dem Studenten den Ausschlag: Er wolle ein Fach studieren, wo die Kausalitäten geklärt seien, wo man sicher sei, wie die Dinge zusammenhängen.

Bravo, nur stimmt das wirklich? Sind in der Molekularbiologie die Kausalitäten schön sauber aufgereiht wie die Unterhosen auf der Wäscheleine und alles ist schon klar?

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Der Wert von Gefahrenkarten.

In Franken, 1.2 Milliarden pro Jahr geschenkt in die bernische Staatskasse.
In der letzten Woche war der Bumbach, ein Ortsteil von Schangnau im obersten Emmental mit seinen Überschwemmungen in den Schlagzeilen. Innert weniger Jahre zum dritten mal wurde die Infrastruktur im Tälchen von Geröll, Schwemmerde und toten Bäumen demoliert. Damit man sich die Landschaft richtig vorstellt: Das Tal dort ist ein Kessel mit auf allen Seiten extrem steilen Abhängen. Nur vom Westen her fallen die Hänge ein bischen weniger Steil in den Kessel. Zudem gehört dies zu den niederschlagsreichsten Gegenden der Schweiz.

Gefahrenkarte für den Bumbach, Geoportal des Kantons Bern

Gefahrenkarte für den Bumbach, Geoportal des Kantons Bern

Die Gefahrenkarte von Bumbach behauptet, dass der allergrösste Teil entweder gefahrenfrei sei, oder nur geringe Gefahr herrscht (gelb). Mittlere Gefahr ist blau. An den roten Stellen mit hoher Gefahr ist das Gelände so extrem, dass nicht einmal der dümmste über Nacht Pickel und Schaufel deponieren täte. Dort baut sicher keiner ein Haus. Wie aber kommt es, dass Gelände mit geringer Gefahr immer von neuem schwere Schäden hinnehmen? Was stimmt mit dieser Karte nicht?

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